
Die Kanne ist noch warm, als ich mir die zweite Tasse eingieße – und dieses Mal stelle ich sie nicht halb leer wieder ab, weil das Telefon klingelt oder eine Rückfrage zur Ausleihe wartet. Ausgetrunken wird sie bis zum letzten Schluck, zum ersten Mal seit jenem Herbst 2022 ruhig bis zum Ende, ohne dass mein Kopf schon beim nächsten Termin ist. Genau in diesem Moment, kaum dass ich die Potsdamer Fachbibliothek für heute hinter mir gelassen habe, beginnt die eigentliche Ahnenarbeit: keine große Zeremonie, sondern eine Reihe kleiner, wiederholbarer Übungen gegen die innere Anspannung, die sich über den Tag in den Schultern angesammelt hat. Stressbewältigung war für mich nie das treffende Wort dafür – es klingt nach einer Technik, die man von außen aufträgt. Was sich verändert, wenn ich anfange, meine Ahnenlinie zu fühlen, ist eher ein Umsortieren.
Vier Kurse aus der phoenix999-Reihe liegen inzwischen hinter mir. Angefangen hat alles mit Kraft der Ahnen, dem ersten Baustein der Serie – aber die Übung, um die es hier geht, gehört zu keinem einzelnen Modul mehr. Sie ist das, was übrig bleibt, wenn man die Bausteine oft genug wiederholt und irgendwann gar nicht mehr nachschlagen muss, aus welcher Lektion ein bestimmter Schritt eigentlich stammt.
Der Übergang vom Feierabend in die Ahnenarbeit-Übung
Der Weg durch den Park Sanssouci ist inzwischen der erste Schritt, noch bevor ich überhaupt an eine Übung im engeren Sinne denke, und meistens reicht die Strecke aus, um den Bibliotheksbetrieb – die Hektik an der Ausleihe, eine Signatur, die am Vormittag partout nicht auffindbar war – körperlich hinter mir zu lassen, bevor der eigentliche Teil beginnt. Danach kommt eine verkürzte Meditation, kaum fünf Minuten lang, gedacht als Brücke zwischen dem letzten Diensttelefonat und dem Abend, nicht als eigenständige Praxis für sich. Benedikta Czorny, eine Online-Bekanntschaft aus dem Andreas-Goldemann-Forum, hat mir mal erzählt, dass sie sich vor jeder Session erst die Lektionsuntertitel noch einmal genau durchliest, bevor sie überhaupt beginnt; ich mache das nicht, aber ich verstehe inzwischen, warum es hilft, sich vorher zu sortieren.

Was beim Zurückgeben der fremden Lasten passiert
Im Zentrum der Übung steht das, was in den phoenix999-Sitzungen als Zurückgeben bezeichnet wird: die Vorstellung, dass eine bestimmte Last nicht meine eigene ist, sondern eine, die über meine Ahnenlinie weitergereicht wurde, ohne dass ich sie mir je ausgesucht hätte. Benannt wird die Anspannung so konkret wie möglich – nicht „ich bin gestresst", sondern etwas wie „die Pflicht, ständig erreichbar zu sein" –, und genau diese Konkretheit ist der Teil, der wirklich etwas verändert. Oft handelt es sich um ein übernommenes Familienmuster, das schon lange vor mir in der Linie unterwegs war und einfach bei der nächsten Person hängenblieb, die nicht wegschaute. Dann stelle ich mir vor, wie dieses Muster dorthin zurückfließt, wo es entstanden ist, ohne dass ich genau wissen muss, wie – das lässt sich ohnehin kaum erklären, nur üben. Was danach übrigbleibt, nenne ich in meinen eigenen Notizen manchmal eine gelöste energetische Blockade, auch wenn mir klar ist, dass das kein Begriff aus der Physik ist, den ich hier belegen könnte.
Mein Kriterium dafür, ob die Übung an einem Abend etwas gebracht hat, ist inzwischen simpel: Kann ich danach einmal bewusst durchatmen, ohne dass die Schultern sofort wieder hochziehen, war es das wert. Bleibt das aus, mache ich sie am nächsten Abend noch einmal, ohne mir das als Rückschritt anzurechnen. Mein Vater taucht in solchen Momenten manchmal auf, nicht als große Erinnerung, sondern als kurzer Gedanke an seine eigene Pflichtauffassung – diese Art von Trauerverarbeitung läuft bei mir nebenher, nicht im Zentrum jeder einzelnen Übung, aber sie ist fast immer ein Stück mit dabei.

Wächst die Anspannung erst, bevor sie geht?
Ja, in den ersten Minuten fast immer. Wer eine Übung beginnt und erwartet, dass die Schultern sofort sinken, wird eher enttäuscht als beruhigt. Bei mir zieht sich der Brustkorb meistens erst enger zusammen, bevor überhaupt etwas nachgibt, und genau an diesem Punkt höre ich am ehesten wieder auf – aus Reflex, nicht aus Einsicht. Als Faustregel gilt für mich: Solange sich die Anspannung verändert, auch wenn sie zunimmt, bleibe ich sitzen. Bleibt sie über mehrere Minuten exakt gleich, ohne jede Bewegung, ist das für mich das Signal, für den Abend aufzuhören und nichts zu erzwingen.
An Abenden, an denen tagsüber in der Bibliothek eine Signatur nicht auffindbar war oder der Publikumsverkehr besonders laut wurde, dauert dieser unangenehme erste Teil meistens länger. Im Winter kommt das unregelmäßige Klicken der alten Heizung dazu, ein Geräusch, das ich kaum noch bewusst wahrnehme, sobald ich mitten in der Übung bin, das mich aber trotzdem irgendwo im Hinterkopf begleitet. Eine Kollegin, die ständig zu spät zur Schicht kommt und sich dann doppelt so hastig durch die Rückgabe hetzt, bringt diese Grundanspannung manchmal schon am Nachmittag mit – und ich merke am Abend, wie viel davon eigentlich gar nicht meins ist.

Warum ich das digitale Tagebuch aufgegeben habe
Am Anfang habe ich versucht, das Ganze auf dem Laptop zu protokollieren – eine Datei, ordentlich nach Datum sortiert, mit Überschriften wie in einem Katalogeintrag. Nach zehn Einträgen habe ich aufgehört, ohne dass ich einen klaren Grund hätte benennen können; die Datei liegt vermutlich heute noch irgendwo unvollständig herum. Gefehlt hat offenbar genau die Reibung, die Papier mit sich bringt: das kurze Nachdenken darüber, was einen Satz überhaupt wert macht, bevor er von Hand fixiert wird. Seitdem führe ich stattdessen ein knappes Session-Protokoll von Hand, mit Datum und ein, zwei Stichworten – ausführlicher dokumentiere ich das ohnehin an anderer Stelle.
Ausgebildet bin ich für keinen Teil davon; ich bin Bibliothekarin, keine Therapeutin und keine Schamanin, und die phoenix999-Kurse bringen ein eigenes Vokabular mit, das man sich erst aneignen muss wie ein neues Klassifikationssystem. Manche dieser Begriffe benutze ich inzwischen automatisch, ohne noch daran zu denken, dass sie mir früher fremd klangen. Im Trauercafé sitze ich manchmal Lieselind Baumgärtner gegenüber, einer Bekannten, die fast immer selbstgebackenes Brot mitbringt, und merke dabei, wie vertraut mir inzwischen klingt, was für sie noch ganz neu ist.
Das Format meiner Notizkarten folgt schlicht dem, was ohnehin in jeder Bibliothek herumsteht: DIN A6 (105 x 148 mm), klein genug für eine Handtasche, groß genug für einen ganzen Gedanken. Beim Heft selbst achte ich mittlerweile auf Papier, das der ISO 9706 entspricht – eine Berufsmarotte, keine esoterische Notwendigkeit. Wer nach dem Verlust eines nahen Menschen einen ähnlichen Halt sucht, findet dazu mehr in meinem Text über innere Wurzeln nach einem Verlust, der genauer beschreibt, was bei mir in den ersten Monaten überhaupt trug.
Geheilt im medizinischen Sinne fühle ich mich nach so einem Abend nicht – das würde ich auch nie behaupten. Was bleibt, ist eher eine Art Ordnung: Die Anspannung war da, aber sie liegt jetzt an ihrem Platz, katalogisiert statt einfach nur ausgehalten. Für mich reicht das an den meisten Abenden vollkommen aus.