
Der Ausweis klappert zum dritten Mal ungeduldig auf die Holzplatte des Ausleihtresens, und meine Schultern ziehen sich hoch, noch bevor ich es bewusst bemerke. In genau so einem Moment entscheidet sich, welchen der zwei Wege ich nehme, die mir die Ahnenarbeit für den Alltag als Hochsensible an die Hand gegeben hat: mich ganz zurückzuziehen, oder die Verbindung zur eigenen Ahnenlinie zu suchen und dabei offen zu bleiben, ohne schutzlos zu sein. Die beiden Ansätze vergleiche ich mittlerweile mit derselben Systematik, mit der ich sonst Bestände sortiere – denn energetischer Schutz ist für mich keine einzelne Übung, sondern eine Wahl zwischen zwei Signaturen im selben Regal.
Beide Wege haben bei mir ihren Platz, aber sie taugen nicht für dieselbe Situation. Rückzug funktioniert, wenn Zeit und Raum für echte Erholung da sind. Die Ahnenlinie im Rücken zu spüren, funktioniert dort, wo ich weiterhin mit Menschen zu tun habe und trotzdem nicht auslaufen will wie ein Schwamm. Diese Unterscheidung hat sich erst über die phoenix999-Kurse geschärft, seit drei Jahren übe ich jetzt regelmäßig, und Andreas Goldemanns Ansatz war für mich der Einstieg – nicht, weil er der einzige Weg wäre, sondern weil er bei mir angeschlagen hat.
Zwei Wege durch die Reizflut: Rückzug oder Ahnenlinie im Rücken
Potsdam hat mehr als einen Ort zum Durchatmen. Am bekanntesten ist wohl der große Schlossgarten in Potsdams Zentrum, aber dorthin verschlägt es mich selten. Meine Runden drehe ich im Park Babelsberg, am liebsten dort, wo der Weg dicht an den alten Bäumen vorbeiführt und kaum jemand unterwegs ist. Dort merke ich am deutlichsten, welcher der beiden Wege gerade trägt.
Rückzug heißt bei mir: Reize komplett abschalten, niemanden sehen, keine Verpflichtung. Das hilft, wenn sich alte Familienmuster oder eine energetische Blockade bemerkbar machen, die einfach Zeit brauchen, bevor ich überhaupt wieder ansprechbar bin – beides Themen, die an anderer Stelle ausführlicher ihren Platz haben. Die Ahnenlinie im Rücken zu spüren ist etwas anderes: Ich bleibe mitten im Geschehen, nur eben nicht mehr ungeschützt.

Kompletter Rückzug ist nicht immer die Lösung
Eine Nachbarin von mir zieht seit Jahren ihr eigenes Gemüse in einem Kleingarten am Schlänitzsee, und wenn sie erschöpft ist, verschwindet sie einfach dorthin – stundenlang, ohne Telefon, ohne Gespräch. Für sie funktioniert das. Bei mir hat der reine Rückzug seine Grenzen, weil ich am nächsten Tag trotzdem wieder am Tresen stehe und die Reize dann nicht kleiner geworden sind, nur aufgeschoben.
Nach dem Tod meines Vaters im Herbst 2022 hat mir mein Hausarzt eine Weile Schlaftabletten verschrieben, und nach zwei Wochen habe ich sie selbst wieder abgesetzt – sie brachten zwar Schlaf, aber tagsüber lag etwas wie Watte zwischen mir und allem anderen. Rückzug in dieser chemischen Form hat mich nicht geschützt, nur betäubt, und genau das war der Punkt, an dem mir klar wurde: Ich brauche etwas, das mich wach lässt und trotzdem trägt.
Wie fühlt sich energetischer Schutz durch die Ahnenlinie an?
Bei der dritten Session aus Kraft der Ahnen kamen mir die Tränen, ohne dass ich einen Grund hätte benennen können – als würde sich irgendwo ein Knoten lösen, von dem ich vorher gar nicht wusste, dass er da war. Ich bin keine Schamanin und auch keine ausgebildete Therapeutin, das nur nebenbei; ich bin eine Bibliothekarin, die eine Methode gefunden hat, ihre Linie zu fühlen, ohne gleich eine Ausbildung daraus zu machen. Seitdem gehört dieser Moment zu den Einträgen, auf die ich in meinem Leinenheft am häufigsten zurückverweise.

In Frostnächten klackert die Heizung in meiner Wohnung im Vierteltakt, und genau in diesen Pausen zwischen den Klacklauten übe ich manchmal die kurze Meditationsform aus dem Kurs – nicht lang, nur so lange, bis der Atem wieder gleichmäßig geht. Ich halte solche Sessions inzwischen fest wie Archivmaterial, mit Datum und Randnotiz, aber wie genau dieses System aufgebaut ist, würde hier zu weit führen. Wichtig ist nur: Die Wärme im Rücken, von der ich spreche, kommt nicht aus dem Nichts, sie kommt aus einer wiederholten Übung.
Wann trägt welcher Weg?
Wenn ich merke, dass ich seit Tagen nur noch reagiere statt zu handeln, wähle ich Rückzug – dann hilft kein Ankerpunkt im Rücken, dann muss der Reiz erst einmal ganz aufhören. Wenn ich dagegen weiß, dass ich in ein bis zwei Stunden wieder unter Menschen sein muss, wähle ich die Ahnenlinie: kurz die Aufmerksamkeit nach hinten lenken, das vertraute Wärmegefühl suchen, und weitermachen. Der Unterschied liegt nicht in der Wirksamkeit der einen oder anderen Methode, sondern in der Frage, wie viel Zeit gerade tatsächlich da ist.
Diese Unterscheidung hängt eng mit dem eigenen Selbstwert zusammen – wer seinen Platz in der eigenen Linie kennt, muss sich weniger stark abschotten, um sich sicher zu fühlen. Mehr dazu habe ich in meinen Notizen zu Selbstwertgefühl stärken durch Ahnenarbeit für mehr Stabilität im Alltag aufgeschrieben.
Die Entscheidung am Ausleihtresen
Zurück zum Ausweis auf der Holzplatte: Ich schaue kurz nicht auf die Uhr, sondern nach innen, und merke, dass genug Puffer da ist, um weiterzumachen. Also wähle ich in diesem Moment die Ahnenlinie im Rücken, nicht den Rückzug. Am nächsten Ausleihtag kann die Antwort eine andere sein, und das ist in Ordnung.

Für hochsensible Menschen im Alltag lohnt es sich weniger, sich fest für eine der beiden Strategien zu entscheiden, als zu lernen, den Unterschied zwischen ihnen überhaupt zu erkennen. Ein Blick in den gelben Karteikasten hilft mir dabei manchmal mehr als jede neue Übung. Wer genauer wissen möchte, wie ich solche Momente über die Zeit für mich einordne, findet mehr dazu in meinen Notizen, wie ich lerne, emotionales Erbe zu verstehen und systematisch im eigenen Tagebuch zu dokumentieren.