
Der Kugelschreiber kratzt übers Leinenpapier, draußen am Rand des Sanssouci-Parks in Potsdam zieht jemand mit einem Hund vorbei, und ich ziehe meinen gelben Karteikasten näher heran, um eine Karteikarte noch einmal zu lesen, bevor ich sie einsortiere. Diese Karte gehört zu einem größeren Bestand: meiner eigenen Trauerbewältigung nach dem Tod meines Vaters, geordnet mit denselben Mitteln, die ich sonst für die Ahnenarbeit in den Phoenix999-Kursen benutze. Ein Erfahrungsbericht wie dieser hier entsteht bei mir nie am Stück, sondern Karte für Karte.
Kurz vorweg, weil es zur Ordnung gehört: Manche Verweise in diesem Text sind Affiliate-Links. Buchst du einen Kurs über einen davon, bekomme ich eine Provision, dein Preis ändert sich dadurch nicht. Ich empfehle hier ausschließlich, was ich selbst durchgearbeitet und in mein System aufgenommen habe, meist morgens vor der Arbeit in der Fachbibliothek. Die vollständige Offenlegung findest du am Ende dieser Seite verlinkt.
Der Irrtum, an den ich selbst geglaubt habe
Es hält sich hartnäckig, dieses eine Missverständnis über Trauerbewältigung: dass sie eine anerkannte Form braucht, um zu zählen. Eine Gruppe, ein Therapieplan, ein Ablauf mit Phasen, an dessen Ende ein Haken steht. Erst dann, so die stille Annahme, hat man es richtig gemacht. In der Fachbibliothek zählt eine Signatur erst, wenn sie im System steht, aber bei der eigenen Trauer stimmt dieser Vergleich nicht.
Was tatsächlich zählt, ist etwas Unspektakuläres: eine regelmäßige, ehrliche Auseinandersetzung, egal in welcher Form, plus die Bereitschaft, auch die Wochen zu dokumentieren, in denen nichts passiert. Kein Abschlussdatum, keine fertige Akte. Das ist die Korrektur, um die es in diesem Text geht, und sie hat mich selbst einiges gekostet, bevor ich sie glauben konnte.
Mein Ausstieg nach drei Treffen
Im ersten Winter nach dem Herbst, in dem mein Vater starb, habe ich es mit der anerkannten Form versucht. Eine Trauergruppe im Stadtteilzentrum, wöchentlich, ein fester Stuhlkreis. Nach drei Treffen bin ich nicht mehr hingegangen.
Rosmarie aus dem Freihandbereich fragte mich Wochen später danach, mit ihrem üblichen langen Anlauf über drei Umwege, bevor der eigentliche Satz kam: ob ich noch hinginge. Ich sagte nein und konnte selbst nicht genau erklären, warum. Der Stuhlkreis war nicht falsch, die Menschen dort waren aufrichtig. Aber das Format passte nicht zu der Art, wie ich Dinge verarbeite, mit Randnotizen und eigenem Tempo statt mit einem festen Termin und einer Gruppe fremder Gesichter.
Das war keine Absage an Therapie oder an Gruppenarbeit im Allgemeinen, das möchte ich klarstellen.
Es war nur der erste Hinweis darauf, dass der Mythos von der einen richtigen Form nicht stimmt.

Trauerverarbeitung in der Phoenix999-Praxis: kein Abschlussvermerk, sondern ein offener Bestand
Trauerverarbeitung, wie ich sie mittlerweile seit gut drei Jahren übe, ist für mich kein Aktenzeichen, das irgendwann geschlossen wird. Es ist ein Bestand, den ich immer wieder aufschlage, ergänze, neu einsortiere. Manche Karten bleiben über Monate unverändert liegen, andere bekommen plötzlich einen neuen Querverweis.
Begonnen hat das mit Kraft der Ahnen, dem ersten der vier Phoenix999-Kurse, nach einem Clip von Andreas Goldemann, den ich eher zufällig sah. Mittlerweile habe ich alle vier Kurse durchgearbeitet, aber die Reihenfolge und was jeder einzelne davon bringt, gehört auf eine andere Seite dieses Blogs, nicht in einen Text über den Irrtum vom Abschluss.
Die Kraft der Ahnen Meditation: Warum die Phoenix999 Methode im Alltag so gut hilft war für mich der Teil, der am ehesten in den Alltag passte, weil er sich in fünfzehn Minuten am Morgen unterbringen lässt, vor der Fachbibliothek. An einem Morgen im Frühjahr saß ich danach mit einer Tasse Tee am Fenster und merkte, dass ich sie zum ersten Mal seit dem Herbst 2022 ganz austrinken konnte, ruhig bis zum letzten Schluck, ohne dass die Gedanken vorher abschweiften.
Stillstehen, wenn der Alltag dazwischenfunkt
Nicht jede Woche bringt eine Bewegung. Im vergangenen Winter gab es eine Phase, in der ich Session nach Session absolvierte und im Leinenheft trotzdem nur Leerzeilen hinterließ, Eintrag für Eintrag ohne jede Resonanz. Kein Widerstand, keine Blockade, einfach nichts. Das war schwerer auszuhalten als ein spürbarer Rückschritt, weil sich nichts greifen ließ, worüber ich hätte schreiben können.
Der leicht säuerliche Papiergeruch, der aus dem aufgeschlagenen Heft steigt, wenn ich es früh am Morgen öffne, war in diesen Wochen fast das Einzige, was sich verlässlich anfühlte. Der Eichentisch, die blassgrüne Unterlage darauf, der Karteikasten links am Rand, die kahlen Bäume vorm Fenster, die im Frühjahr langsam wieder grün wurden. Alles blieb an seinem Platz, während innen wenig passierte.
Im Frühjahr kam dann eine große Umstrukturierung in der Bibliothek dazwischen, mit Budgetfragen und Personalmangel, die meine Aufmerksamkeit vollständig auffraßen. Zwei Wochen lang setzte ich die Sessions einfach aus, ohne schlechtes Gewissen, aber auch ohne die Energie, das im Heft zu kommentieren. Ich führe diese Einträge trotzdem wie Sessionprotokolle, mit Datum und knappem Vermerk, gerade weil sie zeigen, dass eine sogenannte energetische Blockade manchmal schlicht Alltagsstress ist und keine tiefere Bedeutung braucht. Für die genauen Begriffe, die ich dabei verwende, gibt es an anderer Stelle ein eigenes Glossar, hier will ich sie nicht alle erklären. Eine Ausbildung habe ich für keinen dieser Begriffe, ich bin Laiin, die sich ihr eigenes System gebaut hat.

Eine Session breche ich ab, ein Modul bringt keine Veränderung
An einem Mittwochabend im Februar versuchte ich, eine Session aus einem der späteren Kurse nachzuholen, die ich in meinem Heft als 'Vaterlinie III' vermerkt hatte. Nach etwa zehn Minuten brach ich ab. Ich war seit dem frühen Morgen im Dienst gewesen, hatte eine schwierige Ausleihe an der Theke gehabt und spürte nur Erschöpfung, keinen Zugang. In der Marginalie notierte ich schlicht: Abbruch, keine Kraft, morgen neu versuchen.
Die Ahnenarbeit bei emotionaler Erschöpfung: Wie das Ordnen meiner Notizen hilft beschreibt, wie ich mit solchen Abbrüchen inzwischen umgehe, ohne sie zu dramatisieren. Anders war es mit der Zähne-Edition, die ich komplett durcharbeitete, Session für Session, bis zur letzten. Danach spürte ich: nichts. Keine Erleichterung, keine neue Klarheit, nur ein abgeschlossenes Kapitel im Regal. Das hat mich zunächst irritiert. Nicht jede abgeschlossene Akte muss eine sichtbare Veränderung tragen, um ihren Platz im Bestand zu verdienen.
Eine Leserin aus Stuttgart, Hildegunde Rotter, schrieb mir nach einem meiner ersten Texte über meinen Vater eine kurze E-Mail, zwei Sätze nur, mit Anrede und Gruß, so formell wie herzlich. Genau solche Rückmeldungen erinnern mich daran, dass Ehrlichkeit über das, was nicht funktioniert hat, offenbar mehr wert ist als ein glattes Ergebnis.
Väterliche Lücken, neu gelesen
Mein Bild von meinem Vater hat sich durch die Arbeit an der Ahnenlinie verschoben, ohne dass ich dafür neue Fakten über ihn gefunden hätte. Er war ein schweigsamer Mann, und diese Stille tauchte in den Sessions immer wieder als ein wiederkehrendes Familienmuster auf, nicht als Erklärung, eher als Beobachtung. Die Ahnenforschung ohne Dokumente: Wie Ahnenarbeit Lücken im Stammbaum füllt beschreibt diesen Teil ausführlicher, hier reicht der Hinweis, dass eine Lücke im Stammbaum nicht automatisch eine offene Wunde bleiben muss.
Manchmal genügt diese eine Beobachtung, ohne dass ich sie weiter ausbaue.
Grenzen meines Systems
Hier ziehe ich für mich selbst eine klare Grenze, gerade weil ich keine therapeutische Ausbildung habe. Bei anhaltender oder erschwerter Trauer empfehlen Fachleute psychotherapeutische Begleitung, und der Hausarzt oder die Hausärztin kann an psychologische Psychotherapeuten überweisen. Das ist keine Empfehlung, die ich mir ausdenke, sondern der Rahmen, an den ich mich selbst halte, wenn eine Akte über das hinausgeht, was ein Karteikasten auffangen kann.
Wer akut nicht mehr weiterweiß, muss dafür keinen Termin abwarten: Die TelefonSeelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar unter 0800 1110111. Das gehört für mich genauso in diesen Text wie jede Karteikarte, weil eine ehrliche Bestandsaufnahme auch die Grenzen der eigenen Methode einschließt.
Der Irrtum vom Abschluss lässt sich also so korrigieren: Trauerbewältigung braucht keine anerkannte Form und kein Enddatum, aber sie braucht Regelmäßigkeit und die Bereitschaft, auch die leeren Karten zu archivieren. Und sobald der Alltag komplett stillsteht, gehört die Akte nicht mehr allein in ein Leinenheft, sondern zu einer Fachperson.
Mein Bestand bleibt offen. Mein Vater bleibt eine Signatur darin, mit einem festen Platz, ohne dass ich ihn je ganz schließen muss.