Vierzig Karteikarten liegen inzwischen unter der Rubrik "Schuld" in meinem gelben Kasten, der links auf dem alten Eichentisch steht, neben dem aufgeschlagenen Leinenheft, mehr als unter jedem anderen Stichwort, das ich in den letzten Jahren angelegt habe, während die kahlen Baumkronen des Sanssouci-Parks vor meinem Fenster gerade mehr Himmel zeigen als sonst im Jahr. Genau das bringt mich zu einem Satz, den ich in fast jedem esoterischen Ratgeber zur Ahnenarbeit lese und der meiner Erfahrung nach schlicht nicht stimmt: Schuldgefühle nach einem Todesfall müsse man erst loslassen, bevor überhaupt echte Ahnenarbeit beginnen kann.
Bei mir war es umgekehrt.
Die Schuld ist geblieben, mehr oder weniger konstant, während sich rundherum trotzdem etwas verändert hat.
Kurz vorweg, weil es dazugehört: Ich bin Bibliothekarin, keine Therapeutin, und meine Notizen zur Trauerbewältigung ersetzen keine professionelle Trauerbegleitung oder Psychotherapie. Bei akuter, lähmender Trauer gehört fachliche Unterstützung dazu, nicht nur ein Leinen-Heft und ein gelber Kasten.
Der Mythos: Schuldgefühle müssen weg, bevor die Ahnenarbeit beginnt
Dieser Mythos klingt einleuchtend, gerade weil er so oft wiederholt wird. Loslassen, freimachen, den Ballon einfach steigen lassen; die Bilder sind griffig, aber sie unterstellen, dass Schuld ein Fremdkörper ist, den man vorab entfernen muss, bevor die eigentliche Arbeit an der Ahnenlinie beginnt. Meine Trauerverarbeitung läuft aber nicht als abgeschlossenes Vorprogramm, sondern nebenher, während ich längst an anderen Dingen arbeite. Manche Familienmuster werden sogar erst sichtbar, wenn man aufhört, die Schuld wegdrücken zu wollen, und sie stattdessen einfach da sein lässt.
Der Versuch, etwas aktiv wegzumachen, hat bei mir ohnehin selten funktioniert. Ich hatte mich nach dem Tod meines Vaters bei einem Sportverein für einen Yoga-Kurs angemeldet, weil eine Kollegin schwor, Bewegung würde die schweren Gedanken verdrängen. Ich bin dreimal hingegangen. Beim vierten Termin habe ich abgesagt und keinen Fuß mehr in den Kursraum gesetzt, nicht weil der Kurs schlecht war, sondern weil ich etwas wegtrainieren wollte, das sich nicht wegtrainieren lässt. Walburga Stenz, die als Trauerbegleiterin beim Potsdamer Hospizverein arbeitet, hat mir dazu nie einen Ratschlag gegeben, nur einmal eine Beobachtung hingeworfen: dass Schuld bei den Menschen, die sie begleitet, fast immer lauter wird, sobald jemand versucht, sie zum Schweigen zu bringen.
Die innere Wurzelarbeit hat mir gezeigt, warum das so ist: Schuld entsteht oft, wenn wir uns unbewusst über die eigenen Vorfahren stellen und glauben, wir müssten ihr Schicksal nachträglich reparieren. Das Bedürfnis, sie "wegzumachen", ist dann nur eine andere Form von Kontrolle — und Kontrolle war schon vor dem Herbst 2022 nicht meine größte Stärke.
Das Verdrängen funktioniert nicht
In der Bibliothek nennen wir es Aussondern, wenn wir alte Bestände aus dem Katalog nehmen, die keinen Bezug mehr zur aktuellen Sammlung haben. Schuld lässt sich so aber nicht behandeln, weil sie keine veraltete Dublette ist, sondern ein Hinweis auf eine echte Bindung. Was ich früher vorschnell als energetische Blockade abgestempelt hätte, ist bei mir inzwischen eher eine schlecht einsortierte Akte — ein Gefühl, das eine Signatur braucht, keine Entfernung. Zu jeder Session führe ich ein kurzes Session-Protokoll, mehr Randnotiz als ausführliches Tagebuch, in dem sich dasselbe Wort öfter wiederholt, als mir lieb ist, ohne dass es dadurch weniger wird. Ich mache diese Arbeit als Laienpraxis, ganz ohne Ausbildung dazu, und das erlaubt mir vielleicht gerade deshalb, langsamer zu sein, als ein Lehrplan es erlauben würde. Das Kursvokabular (Blockade, Reinigung, Loyalität) klingt in den ersten Sessions größer, als es am Ende gemeint ist.
Schuld als Akte, nicht als Ballon
Für mich funktioniert es besser, Schuld wie eine Akte zu behandeln, die ich sichte, einordne und mit Kontext versehe, statt sie zu entsorgen. Kraft der Ahnen war der Kurs aus der phoenix999-Reihe, mit dem ich angefangen habe, aber nirgendwo darin stand, dass die Schuld erst "fertig" sein muss, bevor man weitermachen darf. Andreas Goldemanns Methode arbeitet über Sessions, nicht über eine Checkliste zum Abhaken, und über alle vier Kurse hinweg gibt es keine vorgeschriebene Reihenfolge, in der ein Gefühl zuerst erledigt werden müsste. In meine Ahnenarbeit für die Vaterlinie ist die Schuld einfach mit eingezogen, ohne Antrag, ohne Genehmigung. Die Unterscheidung zwischen mütterlicher und väterlicher Ahnenlinie hilft mir dabei vor allem, die Schuld nicht pauschal der ganzen Familie zuzuschreiben, sondern genauer hinzusehen, wo sie eigentlich herkommt.
Was rund um jene Donnerstagnacht nie richtig ausgesprochen wurde, ist inzwischen so etwas wie das jüngste Familiengeheimnis in unserer Linie, und ich bin mittendrin daran beteiligt, nicht nur Beobachterin von außen.
Weiterarbeiten, während die Schuld mitläuft
Neulich, an einem ruhigen Sonntagabend, habe ich mir zum ersten Mal seit dem Herbst 2022 eine Tasse Tee gemacht und sie bis zum letzten Schluck warm getrunken, ohne dass die "Was-wäre-wenn"-Schleife dazwischenkam. Kein großer Durchbruch, eher ein kleines, unspektakuläres Zeichen dafür, dass Ruhe und Schuld sich offenbar nicht gegenseitig ausschließen.
Der Geruch von Papier, kurz bevor ich morgens die erste Seite meines Heftes aufschlage, ist für mich inzwischen fast ein Signal, dass so ein ruhiger Moment gleich beginnt. Przemek Kujawski, mit dem ich in einem Online-Live-Workshop bei Andreas Goldemann saß, verarbeitet seine Erfahrungen lieber im Gespräch als auf Papier, und trotzdem kommt er an denselben Punkt wie ich: Schuld lässt sich nicht vorab abhaken, sie läuft einfach mit.
Meine Meditationspraxis ist dabei unregelmäßig, manchmal fällt sie über längere Zeit komplett aus, ohne dass ich das als Rückschlag verbuche. Wer seine Weisheiten der Ahnen systematisch ordnet, muss die Schuld nicht vorher entsorgt haben, um weiterzumachen.
Die eigentliche Regel, wenn ich sie so nennen darf, lautet also nicht "loslassen", sondern "einsortieren": Schuld bekommt einen Platz, eine Notiz, vielleicht eine Karteikarte, aber keinen Termin, bis zu dem sie verschwunden sein muss. Wer auf das Verschwinden wartet, bevor die Ahnenarbeit beginnt, wartet nach meiner Erfahrung ziemlich lange. Wer sie parallel mitnimmt, kommt einfach weiter, auch wenn die eine Karte mit dem einen Wort im gelben Kasten bleibt.