
Sechs Fragen wiederholen sich in den Nachrichten, die mich zur Ahnenarbeit im Berufsalltag erreichen, öfter als alle anderen zusammen. Bibliothekarin in Potsdam bin ich, keine Trainerin für Gelassenheit im Job und keine Schamanin – vermutlich schreiben mir Leute gerade deshalb, weil mein Selbsttest-Tagebuch zu den vier phoenix999-Kursen zeigt, wie sich das Ganze in einem gewöhnlichen Achtstundentag anfühlt und nicht in einem Seminarraum. Diese sechs Fragen beantworte ich hier der Reihe nach, so nüchtern, wie mein Leinen-Heft es von mir verlangt.
Bevor es losgeht, kurz zur Einordnung: Ich arbeite seit drei Jahren mit diesen Übungen, unterschiedlich intensiv, und im Büro sieht das komplett anders aus als abends zu Hause. Am Empfang oder zwischen zwei Katalogeinträgen bleibt keine Zeit für ein langes Ritual – dort zählt nur, was in zehn, zwanzig Sekunden passt.
Ahnenarbeit und Gelassenheit im Job
Am Schreibtisch geht es nicht um Kerzen oder Sätze, die ich mir vorher zurechtlege. Es geht um einen kurzen, stillen Rückbezug auf meine Ahnenlinie, mehr nicht – ein Innehalten von wenigen Sekunden, das ich mir erlaube, wenn der Lesesaal laut wird oder eine Anfrage schwierig ist. Manchmal reicht schon das Bild meiner Großeltern, mehr braucht es in den meisten Momenten nicht.
Wichtig ist der Unterschied zur Meditationspraxis, die ich abends übe. Eine echte Sitzung mit zwanzig, dreißig Minuten passt in keine Mittagspause, und ich versuche das erst gar nicht zu erzwingen. Am Arbeitsplatz wird aus derselben Grundidee etwas Kleineres, Kürzeres, manchmal auch Unvollständiges – und das ist in Ordnung.

Muss ich meine Ahnenlinie spüren, damit es wirkt?
Nein, und genau das ist die häufigste Sorge in den Nachrichten, die ich bekomme. Ein Kriterium, das ich mir selbst gesetzt habe: Wenn die Schultern nach der kurzen Pause tiefer sitzen als vorher, war es genug – ich brauche kein Kribbeln, keine Vision, kein Zeichen. Wer auf ein großes Gefühl wartet, um zu wissen, dass etwas gewirkt hat, wird an einem hektischen Vormittag meistens enttäuscht.
Was manche als energetische Blockade beschreiben, würde ich im Job eher schlicht verspannt nennen – dieselbe Anspannung, nur mit einem anderen Namen, und ich nehme sie trotzdem ernst. Familienmuster bei Kolleginnen oder Kollegen zu deuten, gehört für mich nicht dazu: Das wäre eine Grenze, die ich nicht überschreiten will, so naheliegend es manchmal wäre, ein schwieriges Verhalten mit dessen Großvater zu erklären.
Was, wenn eine Sitzung mitten am Arbeitstag nichts bringt?
Es gibt Pausen, die einfach nur Pausen bleiben, ohne dass sich innerlich etwas verschiebt, und ich trage das genauso in mein Protokoll ein wie die Male, in denen spürbar etwas losgelassen hat. Dieses kurze Session-Protokoll bleibt bei mir zu Hause im Heft, im Büro gibt es davon keine Version – dort passiert nur die Übung selbst, nicht die Aufzeichnung.
An eine bestimmte Sitzung erinnere ich mich besonders gut: die erste, bei der meine Hand nicht automatisch zum Handy wanderte, sondern einfach auf der Tischplatte liegen blieb, während ich die zwei Minuten einfach aushielt. Kein großer Moment, eher ein kleiner Beweis, dass es auch ohne die übliche Ablenkung geht.
Bevor ich bei den phoenix999-Kursen gelandet bin, habe ich anderes ausprobiert. Eine offene Trauergruppe im Stadtteilzentrum habe ich nach drei Treffen nicht mehr besucht – der Stuhlkreis, die Runde, in der jede reihum ihre Geschichte erzählen sollte, hat sich für mich falsch angefühlt, und ich brauchte etwas, das ich allein und in aller Stille machen konnte, nicht vor einer Gruppe Fremder.
Das ist auch der Grund, warum ich mich selbst als Laiin verstehe, ohne Ausbildung dahinter: Ich sammle keine Zertifikate, ich probiere aus, was für mich funktioniert, und schreibe auf, wenn etwas nicht trägt.
Kollegen merken es meist gar nicht
Ein kleiner Gegenstand auf dem Schreibtisch reicht oft als Anker – bei mir liegt seit einer Weile ein alter Briefbeschwerer meines Vaters neben der Tastatur, unauffällig genug, dass niemand zweimal hinschaut. Wer keinen persönlichen Gegenstand zur Hand hat, kann genauso gut die eigene Rückenlehne nutzen: kurz spüren, dass sie den Rücken trägt, das genügt schon als Signal.

Rosmarie Heck, meine Kollegin im Freihandbereich, merkt manchmal früher als ich selbst, wenn eine Pause fällig ist. Letzten Dienstag hat sie mir mitten am Vormittag kommentarlos einen Kaffee hingestellt, bevor mir überhaupt aufgefallen war, wie verspannt meine Schultern schon waren, und genau solche Momente ersetzen bei mir jede Erklärung, warum diese kleinen Pausen überhaupt nötig sind.
Gerade an Tagen, an denen der berufliche Wind rauer weht, merke ich, wie sehr mir das Finden meiner inneren Wurzeln Halt gibt, ohne dass ich das jemandem im Büro erklären müsste. Sachlich bleiben, ruhig antworten, keine lautstarke Verteidigung – das ist für mich Gelassenheit im Job, keine große Verwandlung.
Eine Leserfrage aus dem Postfach beantworten
Hildegunde Rotter, die mir nach meinem allerersten Artikel über meinen Vater geschrieben hatte, hat sich vor Kurzem mit einer unerwarteten Frage gemeldet: Sie arbeitet an einer Schule und wollte wissen, ob sich ihre kurze Übung auch in einer Teamsitzung machen lässt, ohne dass es jemand bemerkt. Meine Antwort: ja, solange sie klein genug bleibt, um wie ganz gewöhnliches Innehalten auszusehen.
Was ich ihr noch geschrieben habe: Die Übungen, mit denen ich arbeite, stammen ursprünglich aus dem ersten Kurs, Kraft der Ahnen, aber Andreas Goldemanns Methode ist für mich kein Skript, das ich abspule, sondern ein Werkzeugkasten, aus dem ich mir im Job das Passende heraussuche. Mittlerweile kenne ich alle vier Kurse der Reihe, im Büro braucht es aber fast immer nur einen kleinen Bruchteil davon.
Trauerverarbeitung ist dabei für mich ein eigenes, größeres Kapitel, das ich hier bewusst nicht aufrolle – im Job geht es nicht um die große Trauer, sondern um kleine, alltägliche Momente, in denen ich meine Ahnenlinie kurz mit hineinnehme. Wer die genauen Begriffe aus den Kursen nachschlagen will, findet sie gesammelt in meinem Glossar der phoenix999-Begriffe.
Ein Anker reicht mehr als fünf Übungen
Eine einzige Geste, die wirklich durchgehalten wird, bringt mehr als fünf Übungen, die nur im Kopf existieren – das ist der Satz, den ich jedem mitgeben würde, der das ausprobieren will. Die Rückenlehne, der Briefbeschwerer, die zwei Minuten am Kopierer, egal was: Hauptsache, es ist eine einzige kleine Handlung, kein ganzes Programm. Alles andere gehört ins Heft und in den Feierabend, nicht in den Lesesaal.
Keine Heilungsversprechen mache ich dabei, auch das gehört zur Ehrlichkeit dieses Formats: Ahnenarbeit ersetzt keinen Arztbesuch und keine Psychotherapie, und wenn Stress oder Trauer zu massiv werden, um sie mit einer kurzen Pause am Schreibtisch aufzufangen, gehört professionelle Hilfe dazu, nicht mehr Disziplin. Für mich bleibt es das, was es von Anfang an war – ein kleines, ehrliches System, mit dem ich meinen Rücken gerade halte, während ich weiterarbeite.