
Woher willst du wissen, ob die Nervosität vor dem nächsten Gespräch mit deiner Chefin wirklich zu dir gehört, oder ob sie schon länger in deiner Familie unterwegs ist, lange bevor du überhaupt geboren wurdest? Diese Frage stelle ich mir, seit ich die Ahnenarbeit aus den vier phoenix999-Kursen von Andreas Goldemann in mein Potsdam-Tagebuch aufgenommen habe. Über Selbstvertrauen und energetische Praxis kursiert in diesem Bereich ein hartnäckiges Missverständnis, das mir ständig begegnet, und es kostet gerade leise Menschen unnötig viel Kraft.
Der Irrtum: Sicherheit wird mit Lautstärke verwechselt
Der Irrtum steckt in der Annahme, Präsenz brauche Volumen. In meiner Fachbibliothek erlebe ich eher das Gegenteil: Die Kollegin, die am lautesten widerspricht, ist selten diejenige, deren Wort am Ende zählt. Lieselind, eine Bekannte aus dem Potsdamer Trauercafé, spricht sogar dann leise, wenn sie innerlich völlig aufgewühlt ist, und trotzdem hört ihr jeder im Raum zu, weil in ihrer Stimme keine Verteidigung mitschwingt, nur eine klare Position. Genau das versuche ich mit der Ahnenarbeit zu üben: nicht lauter werden, sondern fester stehen. Wenn ich sonntags durch den Park Sanssouci gehe und zwischen den Bäumen entlanglaufe, stellt sich diese Art von Ruhe dort schneller ein als in jedem Rhetorik-Seminar, das ich je besucht habe.

Die tatsächliche Herkunft der Nervosität
Nicht jede Unsicherheit, die ich spüre, gehört auch wirklich mir. Das ist der Kernsatz, den ich aus der Arbeit mit meiner eigenen Ahnenlinie mitgenommen habe, ohne dass ich hier erklären muss, wie diese Übertragung im Detail funktioniert – dazu gibt es andere Einträge in diesem Blog. Manche Reaktionsmuster, die wie mein eigener Charakter aussehen, sind eher ein übernommenes familiäres Muster, über Generationen weitergereicht, bevor es bei mir gelandet ist. Andreas Goldemanns Methode aus dem Kraft-der-Ahnen-Kurs war für mich der erste Anlass, diesen Unterschied überhaupt zu prüfen, statt jede Anspannung automatisch als „so bin ich eben" abzuheften.
Regale lassen sich leichter ordnen als Gefühle, das musste ich in den letzten Monaten mehrfach akzeptieren. Wenn ich in der Bibliothek nach der Regensburger Verbundklassifikation ein Buch einsortiere, gibt es für jede Signatur genau einen richtigen Platz. Eine energetische Blockade lässt sich nicht so sauber katalogisieren, sie meldet sich mal im Nacken, mal als Kloß im Hals, ohne Vorwarnung und ohne Rücksicht auf meinen Terminkalender. Der Vergleich hinkt also, aber er zeigt mir wenigstens, was ich mir wünsche: nicht die Ordnung selbst, sondern die Ruhe, die sich einstellt, wenn etwas seinen Platz gefunden hat.
Was ich in der Ahnenarbeit prüfe, bevor ich reagiere
Ein Kriterium hat sich für mich als brauchbar erwiesen. Ich frage mich, ob meine Reaktion zur Situation passt oder ob sie größer ausfällt als das, was objektiv auf dem Spiel steht. Wenn die Angst vor einer kleinen Rückfrage im Team genauso groß ist wie vor einer Kündigung, ist das für mich ein Hinweis, dass ich gerade nicht nur meine eigene Reaktion trage. Ich halte diese Beobachtungen in einer Art Session-Protokoll fest, kurze Sätze, oft nur eine Zeile, mit Datum und manchmal einem Pfeil zu einem früheren Eintrag. Die kurze Meditationspraxis am Morgen, bevor ich das Haus verlasse, dient bei mir vor allem diesem Abgleich und nicht der großen Erleuchtung, die man sich unter Ahnenarbeit oft vorstellt.
Vor ein paar Wochen wollte ich mir zusätzliche Unterstützung holen und habe einen Wochenendworkshop zur Trauerbewältigung gebucht. Zwei Tage vorher habe ich wieder abgesagt, weil ich merkte, dass ich mit meinem Vater im Gepäck nicht in eine Gruppe von Fremden wollte, jedenfalls nicht in dieser Form. Das fühlte sich in dem Moment wie ein Rückschritt an, war es aber nicht. Kurz danach saß ich an einem Nachmittag mit einer Tasse Tee am Fenster, und zum ersten Mal seit dem Herbst 2022 wurde die Tasse leer, ohne dass meine Gedanken irgendwann abdrifteten. Kein großer Moment, eher ein kleiner, aber ich habe ihn trotzdem in mein Leinen-Heft geschrieben, direkt neben die Notiz, die Verantwortung für verstorbene Eltern loslassen zu können, auch wenn dieses Loslassen in kleinen Schritten passiert und nicht auf Kommando.

Platz in der Reihe statt Platz an der Rampe
Benedikta, eine Bekannte aus dem Andreas-Goldemann-Forum, hat mir letztens eine sehr lange Nachricht geschrieben, mit genauen Uhrzeiten zu jedem Schritt, den sie ausprobiert hatte. Sie beschrieb genau dieses Gefühl: als müsse sie in jedem Meeting eine Rolle vorne an der Rampe ausfüllen, obwohl ihr eigentlich nach etwas ganz anderem war. Wir kamen beide zu demselben Schluss, unabhängig voneinander. Der Punkt ist nicht, lauter zu werden oder mehr Raum einzunehmen, sondern den eigenen Platz in der Reihe zu kennen. Wer den eigenen Platz in der Ahnenreihe finden konnte, muss sich nicht mehr an vorderster Stelle beweisen, weil hinter einem eine ganze Reihe steht, die diesen Platz schon längst anerkannt hat.
Diese Praxis ersetzt keine Behandlung
Ich bin Bibliothekarin, keine Therapeutin, und ich habe keine schamanische Ausbildung. Was ich hier beschreibe, ist eine Laienpraxis, die mir persönlich hilft, mit Anspannung anders umzugehen, mehr nicht. Bei anhaltender Trauer oder starker psychischer Belastung ersetzt keine Übung aus den phoenix999-Kursen den Weg zum Hausarzt oder zu einer Psychotherapeutin. In den Wochen, in denen gar nichts vorwärtsging, habe ich auch gelernt, wie man Geduld mit sich selbst lernt während der Ahnenarbeit Übungen, statt jede leere Seite im Leinen-Heft als Scheitern zu werten.
Ein ruhiger Schlusssatz
Sicheres Auftreten, wie ich es inzwischen verstehe, hat wenig mit Technik und viel mit Zugehörigkeit zu tun. Es fühlt sich nicht wie eine Bühne an, sondern wie ein Regal, das genug Halt bietet, damit ich nicht ständig prüfen muss, ob es hält. Mein Vater taucht in dieser Vorstellung nicht als strenger Prüfer auf, sondern eher als eine der vielen Signaturen, die zu diesem Bestand gehören. Für heute Abend reicht mir das als Eintrag in mein Potsdam-Tagebuch.