
Der Beruf, der mich jahrelang ausgefüllt hatte, fühlte sich plötzlich wie eine Akte an, die ein anderer angelegt hatte. Diese Frage stellte ich mir lange nicht laut - bis die Ahnenarbeit mir half, so etwas wie berufliche Klarheit zu finden, Schritt für Schritt, nicht auf einmal.
Seit drei Jahren arbeite ich mit den vier phoenix999-Hauptkursen von Andreas Goldemann, der Ahnenarbeit als System erklärt, mit dem ich mittlerweile vertrauter bin als mit mancher Signatur in meiner Potsdamer Fachbibliothek. Angefangen hat das Ganze nicht mit einem Berufsplan, sondern mit der Trauer um meinen Vater, der im Herbst 2022 plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben ist. Berufliche Klarheit bedeutete in den Monaten danach nicht, die Signatur zu wechseln, sondern herauszufinden, welche Ambitionen in meinem eigenen Bestand überhaupt mir gehören.
Im Sozialwissenschaften-Regal, das nach der Regensburger Verbundklassifikation sortiert ist, stehe ich fast jeden Tag, und genau dort ist mir diese Verwechslung zum ersten Mal richtig aufgefallen: Ich hielt eine Signatur in der Hand und merkte, dass ich seit Monaten eher verwaltete als entschied.
Wessen Ehrgeiz liegt eigentlich auf meinem Schreibtisch?
Mein Vater wollte Architekt werden und wurde Buchhalter. Das weiß ich nicht aus einem einzigen Gespräch, sondern aus der Art, wie er jedes Regal in unserer alten Wohnung selbst verstärkt hat, obwohl ein Handwerker das in der halben Zeit erledigt hätte. Als er starb, blieb dieser unfertige Bauplan einfach liegen, und ich habe lange nicht bemerkt, wie sehr ich versuchte, ihn in meinem eigenen Beruf weiterzuführen.
In einer Session ging es genau um diese Unterscheidung, zwischen einem Gefühl, das wirklich meins ist, und einem, das ich nur übernommen habe, weil es seit Jahren in der Familie herumlag. Ein blockierendes Familienmuster, wie es im Kurs oft genannt wird, war in meinem Fall nicht dramatisch - eher eine leise Gewohnheit, mich kleiner zu machen, als ich sein müsste.
Ich erinnere mich an einen ganz bestimmten Nachmittag an der Ausleihe, an dem ich einen Kollegen mitten im Satz unterbrochen habe, weil ich dachte, meine Antwort sei wichtiger - und wie ich danach einfach weitergearbeitet habe, ohne mich zu entschuldigen. Diese Szene kam mir Monate später in einer Session wieder hoch, zusammen mit der Frage, wessen Stimme in solchen Momenten eigentlich durch mich spricht, meine oder die eines Mannes, der nie laut sagen durfte, was er wollte. Die energetische Blockade, die mich lange von einer sichtbareren Position abhielt, hatte am Ende weniger mit meiner Familie zu tun als mit der schlichten Angst, überhaupt aufzufallen.
Der gelbe Karteikasten: wie ich Ahnenarbeit und Beruf sauber trenne
Jede Session bekommt bei mir eine Signatur, ein Datum und manchmal einen Querverweis zu einer früheren Karte im gelben Kasten - das ist die Systematik, mit der ich diese Arbeit überhaupt aushalte, ohne mich in der angefangenen Akte zu verlieren. Dieses Protokollieren jeder Sitzung wie Archivmaterial ist für mich kein Zufall, sondern Beruf, der sich einfach in den Feierabend verlängert hat.

Rosmarie Heck, die im Freihandbereich neben mir arbeitet, hat mich letzten Monat kurz vor einer Teamsitzung am Arm berührt und gefragt, ob ich schon wieder zu früh aus einer Session heraus in den Dienst gekommen bin. Sie merkt solche Dinge, bevor ich es selbst merke, und an diesem Tag hatte sie recht: Ich war mit dem Kopf noch bei einer Karteikarte, die ich morgens nicht fertig beschriftet hatte.
Eine Atemübung aus einem Ratgeber half mir nicht weiter
Bevor ich auf die Videos von Andreas Goldemann gestoßen bin, hatte ich es mit Atemübungen aus einem Selbsthilfebuch versucht, das mir jemand aus der Bibliothek geliehen hatte. Jeden Morgen zählte ich Sekunden beim Ein- und Ausatmen, und jeden Morgen fühlte sich das eher wie eine zusätzliche Pflichtaufgabe an als wie eine Entlastung. Nach einigen Wochen stellte ich das Buch zurück ins Regal, ungelesen in der zweiten Hälfte, und dachte, das Thema sei für mich erledigt.
Dass es anders kam, lag nicht an einer besseren Technik, sondern daran, dass die Sessions mir erlaubten, etwas zu benennen, statt nur zu atmen. Nicht jede Session, die ich im Heft archiviere, gehört zur beruflichen Frage - manche sind reine Trauerverarbeitung, und die halte ich bewusst getrennt, auch wenn sich beides im Alltag oft überschneidet.

Danach wurde es leichter, Ahnenarbeit im Alltag integrieren zu lassen, statt sie auf die Sonntagabende zu beschränken. Ich bin keine Schamanin, keine Therapeutin und keine ausgebildete Energiearbeiterin - das sage ich nicht aus falscher Bescheidenheit, sondern weil es für diese Art von Laienpraxis ohne Ausbildung schlicht die ehrliche Beschreibung ist.
Für die Trennung von seinem unfertigen Bauplan half mir vor allem eine Übung, bei der ich ungesagte Worte an Verstorbene klären konnte, um den Raum zwischen uns zu ordnen. Es ging nicht darum, ihn loszulassen, sondern darum, ihm seine Träume zurückzugeben, ohne sie auf meinem Schreibtisch weiterzuführen.
Woche zwölf in der Ausleihe
An einem gewöhnlichen Dienstag in der zwölften Woche nach dem zweiten Kurs saß ich an der Ausleihe und bemerkte etwas, das sich nicht wie ein Durchbruch anfühlte, sondern eher wie eine kleine Verschiebung: Ich beantwortete die Frage eines Nutzers vollständig, bevor ich schon bei der Warteschlange war, und entschuldigte mich bei einem Kollegen für eine Unterbrechung vom Vortag, die mir plötzlich wieder einfiel.
Am Samstag danach bin ich auf den Pfingstberg gegangen, ohne festes Ziel, nur um aus der Woche herauszukommen und nicht sofort wieder ins nächste Projekt in der Bibliothek zu fallen. Es gab keine große Erkenntnis dort oben, nur Wind und die Ruhe, die ich gebraucht habe, um die Woche im Heft überhaupt sauber zu datieren.
Es gab in diesem Frühjahr auch eine Woche, in der ich das Heft gar nicht aufgeschlagen habe - zu viel Ausleihe, zu wenig Kopf, schlicht keine Lust. Das zähle ich inzwischen einfach mit, ohne es als Rückschritt zu verbuchen, denn auch ein Bestand braucht Phasen, in denen niemand etwas ausleiht.
Die Signatur schreibe ich jetzt selbst
Was ich inzwischen als Faustregel benutze, ist denkbar einfach: Wenn ich merke, dass ich eine berufliche Entscheidung mit der Geschichte meiner Familie begründe statt mit meinem eigenen Wunsch, frage ich erst, wessen Satz das eigentlich ist, bevor ich ihn unterschreibe. Meine Ahnenlinie ist für mich dabei keine Ausrede mehr, sondern eher eine Ressource, auf die ich zurückgreife, wenn mir selbst der Mut fehlt.
Vor ein paar Wochen schrieb mir eine Leserin, Hildegunde Rotter, die sich nach meinem allerersten Artikel über meinen Vater bei mir gemeldet hatte, noch einmal - dieses Mal nicht wegen der Trauer, sondern wegen einer Zusage, die sie nach monatelangem Zögern endlich angenommen hatte. Solche Nachrichten landen bei mir im Karteikasten, nicht weil sie Beweise wären, sondern weil sie mich daran erinnern, dass berufliche Klarheit selten an einem einzigen Tag entsteht.
Morgen beginnt die Ausleihe wie immer um neun, und ich werde vermutlich wieder vor demselben Regal stehen, mit derselben Signatur in der Hand. Der Unterschied ist nur, dass ich inzwischen weiß, welche Signaturen mir tatsächlich gehören - und welche ich einfach nur so lange verwaltet habe, bis ich den Mut fand, sie zurückzugeben.