
Eine Akte schließen und eine Akte vernichten sind zwei vollkommen verschiedene Handlungen – und genau diesen Unterschied verwechseln die meisten, wenn sie von der Verantwortung für verstorbene Eltern sprechen, die sie endlich loslassen wollen. Der verbreitete Irrtum lautet: Wer diese Verantwortung abgibt, hört auf, seine Mutter oder seinen Vater zu lieben, denkt weniger an sie oder verrät irgendwie ihr Andenken. Das stimmt nicht, und genau dieser Irrtum hält in der Ahnenarbeit mehr Menschen fest als jede tatsächliche Trauer es je könnte. Ich bin Bibliothekarin in Potsdam und arbeite seit drei Jahren mit den vier phoenix999-Kursen von Andreas Goldemann.
Bevor es weitergeht, ein kurzer Hinweis: Manche Links in diesem Text sind Affiliate-Links. Bucht jemand darüber einen Kurs, bekomme ich eine Provision, der Preis bleibt für dich gleich. Ich bin keine Therapeutin und keine Schamanin, nur jemand, der diese Verwechslung in Foren und Trauergesprächen immer wieder beobachtet. Ich schreibe ausschließlich über die vier phoenix999-Kurse, die ich selbst durchgearbeitet habe. Die vollständige Offenlegung steht im Impressum.
Der Unterschied zwischen einer Akte schließen und einer Akte vernichten
In meinem Berufsalltag arbeiten wir nach dem RDA-Standard. Ein Bestand, der abgeschlossen ist, verschwindet nicht aus dem Katalog – er bekommt eine Signatur, bleibt auffindbar, wird nur nicht mehr laufend erweitert. Genauso stelle ich mir inzwischen die Verantwortung für meinen Vater vor. Sie ist geschlossen, nicht vernichtet. Ich kann sie jederzeit wieder aufschlagen, ohne dass ich sie täglich verwalten muss.
Der Fehler, den viele machen: Sie behandeln Verantwortung und Erinnerung als ein und dasselbe Regal. Wird das eine geräumt, fürchten sie, verliert auch das andere seinen Platz. Genau das ist der Denkfehler, den die Ahnenarbeit meiner Erfahrung nach korrigiert – nicht durch eine große Geste, sondern durch die saubere Trennung zweier Bestände, die nie zusammengehört haben.

Was genau soll bei der Ahnenarbeit eigentlich losgelassen werden?
Nicht die Bindung an den Vater oder die Mutter. Losgelassen wird die Rolle, die man nach einem Todesfall oft unbemerkt übernimmt – die Wiedergutmacherin, die Vermittlerin, die Verteidigerin unerledigter Konflikte. Die Arbeit an der Familiengeschichte heilen zu wollen ist etwas anderes, als die Lasten der Verstorbenen selbst weiterzutragen. Das eine ist Verstehen, das andere ist Ersatzdienst.
Auch familienmuster spielen dabei eine Rolle, aber das ist ein eigenes Thema für sich – hier reicht die Feststellung, dass ein geerbtes Muster nicht automatisch eine geerbte Pflicht ist.
Loslassen passiert nicht auf Kommando
Die zweite Verwechslung ist fast noch hartnäckiger: die Annahme, Loslassen sei eine Entscheidung, die man an einem bestimmten Tag trifft, wie eine Unterschrift unter einen Vertrag. In meiner Erfahrung mit Kraft der Ahnen war es das nicht. Es kam nicht, als ich es wollte, sondern als ich aufgehört hatte, danach zu suchen.
In der dritten Session dieses Kurses saß ich mit geschlossenen Augen da und fing plötzlich an zu weinen, ohne einen Grund benennen zu können, der zu den Tränen gepasst hätte. Kein Bild, keine Erinnerung, kein Auslöser. Danach war etwas leichter. Genau das meinen die Kurse wohl, wenn sie davon sprechen, Schwere im Herzraum zu lösen – ohne dass ich hätte sagen können, was genau passiert war. Das war kein Willensakt, eher, als hätte sich eine zu straff gebundene Seite von selbst gelockert.
Bevor ich beim Leinen-Heft gelandet bin, habe ich es mit einem digitalen Tagebuch auf dem Laptop versucht. Nach zehn Einträgen habe ich aufgehört – die Distanz zum Bildschirm passte nicht zu dem, was ich eigentlich festhalten wollte. Auch das gehört zur ehrlichen Bilanz: nicht jede Methode, die vernünftig klingt, funktioniert für einen selbst.
Eine Bekannte aus dem Goldemann-Forum, Benedikta Czorny, hat mir mal geschrieben, dass sie sich vor jeder Session erst die Lektionsuntertitel in Ruhe durchliest, bevor sie überhaupt startet. Ich fand das bezeichnend – die einen brauchen Vorbereitung, die anderen eher den unvorbereiteten Moment.

Trauerbewältigung ist nicht dasselbe wie Verantwortung abgeben
Wer trauert, arbeitet an etwas anderem als jemand, der Verantwortung loslassen will, auch wenn beides zeitlich zusammenfällt. Trauerverarbeitung betrifft den Verlust selbst. Verantwortung loslassen betrifft die Aufgabe, die man sich nach dem Verlust selbst zugeschrieben hat. Wer beides vermischt, versucht am Ende, die Trauer wegzuarbeiten, weil sie sich wie eine offene Akte anfühlt – dabei ist sie einfach nur Trauer, und die braucht keine Bearbeitung, sondern Zeit. Eine Form der energetischen Abgrenzung hilft mir, diese zwei Ebenen im Alltag auseinanderzuhalten, gerade im fordernden Berufsalltag.
Letzten Dienstag brachte ein Nutzer ein Buch zurück, dessen Signatur ich falsch im Kopf hatte, und ich stand vor dem Regal, bis ich begriff, dass ich am falschen Bestand gesucht hatte. Kleine Verwechslungen wie diese erinnern mich daran, wie leicht man an der falschen Stelle sucht, auch bei der eigenen Verantwortung.
Prüfe, ob die Verantwortung wirklich noch dir gehört
Ein brauchbares Kriterium, das ich mir selbst beigebracht habe: Kommt ein Gedanke an den Vater ohne den Reflex, etwas reparieren oder wiedergutmachen zu müssen, gehört die Erinnerung mir. Kommt der Reflex mit, trage ich noch etwas, das eigentlich nicht mehr zu tragen ist. Dieser kleine Check dauert Sekunden und sagt mehr als jede Session allein.
Lieselind Baumgärtner aus dem Potsdamer Trauercafé bringt regelmäßig selbstgebackenes Brot mit, nach einem alten Familienrezept. Sie hat mir einmal gesagt, das Backen sei für sie kein Ritual der Trauer, sondern einfach eine Sache, die sie mit ihrem Mann verbindet, ohne dass sie ihm damit irgendetwas schuldig wäre. Genau das ist der Punkt, den viele in der Ahnenarbeit verpassen: Man darf die Verbindung behalten und trotzdem die Verantwortung abgeben. Das eine schließt das andere nicht aus.

Wenn du gerade selbst prüfst, ob die Verantwortung für einen verstorbenen Elternteil noch dir gehört, kann Kraft der Ahnen ein möglicher Einstieg sein – kein magischer Prozess, eher eine Einladung, die eigenen Bestände neu zu ordnen. Ein Archiv, das schon 1745 angelegt wurde, hat noch immer dieselben Grundmauern, auch wenn längst andere Dinge darin stehen. Genau darum geht es: nicht abreißen, nur neu ordnen. Ich schlage mein Leinen-Heft wieder auf und lasse den Rest stehen, wie er ist.