
Zwanzig Minuten. So lange bin ich neulich auf dem Rückweg durch den Sanssouci-Park gegangen, ohne dass mein Vater mir auch nur ein einziges Mal in den Kopf kam – gemerkt habe ich es erst, als mich die Stille selbst überraschte. Genau um dieses Nicht-Merken geht es, wenn ich über Geduld in der Ahnenarbeit schreibe: nicht um Willenskraft, mit der man ein Ergebnis herbeizwingt, sondern um etwas, das sich einstellt, während man woanders hinschaut.
Zwei Formen von Geduld gibt es dabei, finde ich – eine, die man erzwingt, und eine, die einem zufällt.
Zwei Arten von Geduld in der Ahnenarbeit, die sich nicht verwechseln lassen
Meine Fachbibliothek hat mich gelehrt, Dinge zu ordnen, bevor ich verstehe, warum sie überhaupt geordnet werden müssen. Diesen Ordnungsreflex wollte ich nach dem Tod meines Vaters auch auf meine Trauer anwenden – ein Herzinfarkt, mitten in einer gewöhnlichen Donnerstagnacht im Herbst 2022, und danach das Bedürfnis, alles sofort in eine nachvollziehbare Reihenfolge zu bringen. Die phoenix999-Kurse, angefangen mit Kraft der Ahnen, haben mir gezeigt, dass Trauerverarbeitung sich diesem Ordnungswillen entzieht, und dass Ahnenarbeit erst recht keine Checkliste ist, die sich abhaken lässt.
Niemand hat mich dafür ausgebildet, das so zu sagen. Ich bin keine Therapeutin und keine Schamanin, sondern eine Laiin mit der ehrlichen Bereitschaft, mich durch die eigene Ahnenlinie zu arbeiten – phoenix999 nennt vieles davon mit einem eigenen Vokabular, das ich mir über die vier Kurse hinweg angeeignet habe, ohne es je in einem Lehrbuch nachschlagen zu können. Andreas Goldemanns Methode setzt genau an diesem Punkt an: nicht schneller werden, sondern die eigene Geschwindigkeit überhaupt erst finden. Mein Karteikasten sortiert inzwischen nicht mehr nach Datum, sondern nach Empfindung – auch das eine Systematik, nur eine, die ich mir selbst beigebracht habe.

Wenn ich drücke, verliere ich die Spur
Erzwungene Geduld hat bei mir ein sehr konkretes Gesicht. Einmal wollte ich unbedingt eine Verbindung zur väterlichen Linie herstellen, weil ich glaubte, jetzt sei der richtige Moment dafür – stattdessen blieb eine ganze Seite im Leinen-Heft leer, und ich saß mit einem Ziehen im Nacken da, das den ganzen Nachmittag nicht wegging. Familienmuster zeigen sich eben nicht auf Bestellung, auch wenn man als Kind einer Bibliothekarin gerne hätte, dass sie es täten.
Ich habe es auch anders versucht. Aus der Bücherei habe ich mir mal Entspannungs-CDs ausgeliehen, in der Hoffnung, sie würden mir die Ruhe verschaffen, die ich in den Sessions offenbar nicht selbst aufbringen konnte – beim dritten Track bin ich eingeschlafen und mit genau demselben unruhigen Kopf wieder aufgewacht, mit dem ich mich hingelegt hatte. Eine energetische Blockade lässt sich offenbar nicht wegspielen, so wenig wie ein überfälliges Buch sich von selbst zurückbringt.
Przemek Kujawski, den ich aus einem Online-Workshop kenne, fragt bei jeder neuen Übung zuerst nach dem Warum hinter dem Ablauf, bevor er überhaupt anfängt – ein Reflex, den ich gut verstehe, weil ich ihn selbst lange hatte. Session-Protokolle helfen mir inzwischen, diesen Kontrollwunsch von der eigentlichen Übung zu trennen: Ich schreibe auf, was passiert ist, nicht was hätte passieren sollen.
Und wie fühlt sich die andere Seite an?

Walburga Stenz, eine Trauerbegleiterin aus dem Potsdamer Hospizverein, spricht so langsam, dass ich am Anfang dachte, die Verbindung sei eingefroren. Sie lässt Pausen stehen, die in einem normalen Gespräch unerträglich lang wären, und genau das hat mir gezeigt, wie gewachsene Geduld aussieht, wenn man sie nicht erzwingt. Als sie mich vor einiger Zeit einmal anrief und dann, ohne zu drängen, wieder losließ, habe ich zum ersten Mal begriffen, dass Zuhören manchmal bedeutet, gar nichts zu tun.
Ob eine Ungeduld überhaupt meine eigene ist oder eine übernommenen Ängste der Vorfahren zu lösen, kann ich nicht immer sofort unterscheiden. Aber ich merke inzwischen den Unterschied im Körper: Erzwungene Geduld fühlt sich an wie Anhalten des Atems, gewachsene Geduld wie normales Ausatmen, das ich nicht extra einleiten muss.
Beispiele aus allen vier Kursen, nebeneinandergelegt

Platz in der eigenen Ahnenreihe zu finden, ist so ein Punkt, an dem sich beide Formen von Geduld zeigen. Wer ihn erzwingen will, bekommt meist eine Leere zurück, die sich wie Ablehnung anfühlt; wer wartet, merkt irgendwann, dass der Platz die ganze Zeit da war. Bei einem Familiengeheimnis, das in meiner Familie nie richtig ausgesprochen wurde, war es genauso: Je mehr ich danach gegraben habe, desto weniger kam. Erst als ich aufgehört habe zu graben, kamen einzelne Bruchstücke von selbst.
Eine Raumreinigung nach einem Todesfall habe ich einmal zu früh angesetzt, weil ich dachte, das gehöre jetzt einfach in dieser Reihenfolge dazu – die Übung fühlte sich mechanisch an, wie ein Regal, das man ausräumt, bevor überhaupt klar ist, was aussortiert werden soll. Rituale für Hinterbliebene brauchen offenbar dieselbe Geduld wie alles andere: Sie funktionieren nicht, weil man sie zum richtigen Zeitpunkt im Kalender einträgt, sondern weil der Moment von selbst reif wird.
Auf lebende Verwandte wirkt sich das übrigens genauso aus, wie es in Wie die Stille der Ahnenarbeit meinen Blick auf Sanssouci verändert hat schon anklingt: Wenn ich selbst ruhiger werde, verändern sich auch Gespräche, die vorher eher angespannt liefen, ohne dass ich irgendjemandem davon erzählt habe. Energetischer Schutz bedeutet für mich inzwischen weniger, eine Grenze hochzuziehen, und mehr, überhaupt erst zu merken, wann eine Grenze fehlt.
Zwischen der väterlichen und der mütterlichen Linie zu unterscheiden, klang für mich anfangs nach einer technischen Übung wie jede andere – mittlerweile weiß ich, dass beide Linien ein komplett unterschiedliches Tempo haben, und dass Geduld hier bedeutet, das nicht anzugleichen. Meine Meditationspraxis ist inzwischen unspektakulär: kein Ritual, keine feste Uhrzeit, nur das Kissen und ein paar stille Minuten, in denen nichts erzwungen werden muss.
Woran ich erkenne, welche Geduld gerade gefragt ist
Ein Kriterium hat sich für mich herauskristallisiert, das ich seitdem fast immer anwende: Wenn ich nach einem Ergebnis grabsche, das ich eigentlich schon kenne oder kennen will, ist das die erzwungene Seite – dann breche ich lieber ab und schreibe nur auf, dass nichts kam. Wenn ich dagegen einfach sitzen bleiben kann, ohne zu wissen, was als Nächstes passiert, und dabei ruhig bleibe statt unruhig zu werden, ist es die gewachsene Seite, und genau die lohnt es sich auszuhalten.
Im Archiv meiner Sessions liegen inzwischen mehr leere Karten als beschriebene, und das ist für mich kein Mangel mehr. Manche Abende schließe ich das Leinen-Heft, ohne dass etwas Neues darin steht, und genau das gehört zu der Geduld, über die ich hier schreibe – nicht als Ziel, das ich erreicht habe, sondern als Unterscheidung, die ich jeden Tag neu treffen muss.