
Es ist früh am Morgen, weit vor der ersten Ausleihe in der Bibliothek. Ich stehe am Fenster meiner Potsdamer Wohnung und beobachte, wie sich der Nebel langsam von den sechs Weinbergterrassen des Schlosses Sanssouci hebt. Eigentlich ist es ein ruhiger Donnerstag, doch in meinem Magen sitzt diese vertraute, bleierne Angst, die so gar nicht zu meinem stillen Alltag zwischen Buchrücken und Signaturen passen will.
Diese Angst hat keinen aktuellen Anlass. Sie ist wie ein altes Manuskript in einer Sprache, die ich nicht gelernt habe, aber deren bedrohlichen Unterton ich dennoch verstehe. Seit dem Tod meines Vaters im Herbst 2022 habe ich gelernt, dass nicht alles, was ich fühle, auch wirklich mein Eigentum ist. Manchmal übernehmen wir Bestände, die wir nie bestellt haben.
Das Archiv der Angst: Wenn die Vergangenheit den Puls diktiert
In meinem gelben Karteikasten, den ich normalerweise für Zitate aus der Fachliteratur nutze, gibt es mittlerweile eine Abteilung für das, was ich das „ererbte Inventar“ nenne. Dort habe ich angefangen, die diffusen Ängste zu katalogisieren, die ich in den letzten Monaten während der Arbeit mit den phoenix999-Kursen identifiziert habe. Es ist eine Form der Bestandsaufnahme für das eigene Nervensystem.
Wir glauben oft, wir seien ein unbeschriebenes Blatt, dabei sind wir eher wie ein Palimpsest – ein Pergament, das bereits mehrfach beschrieben wurde. Unter unserer eigenen Geschichte schimmern die Zeilen unserer Ahnen durch. Mein Vater war ein Meister des Schweigens, eine Eigenschaft, die ich lange als bloße Charakterstudie abgetan hatte. Doch durch die energetische Arbeit wurde mir klar, dass dieses Schweigen eine Signatur der Angst war, die bereits Generationen vor ihm ihren Anfang nahm.

Wissenschaftlich nenne ich das für mich heute Epigenetik, ohne dabei so zu tun, als wäre ich eine Forscherin. Ich bleibe Bibliothekarin. Aber wenn ich sehe, wie Traumata über biochemische Marker weitergegeben werden können, gibt mir das eine sachliche Grundlage für das, was ich in den Sessions bei Andreas Goldemann erlebe. Es nimmt dem Ganzen das esoterisch Schwammige, das ich so gar nicht leiden kann.
In einer Sitzung Mitte Februar, draußen war es noch klirrend kalt und die Parks in Potsdam wirkten wie erstarrt, arbeitete ich an der Ahnenlinie über sieben Generationen hinweg. Es war wie eine vorsichtige Restaurierung eines fast zerfallenen Bandes. Ich saß auf meinem Sofa, die Augen geschlossen, und folgte den intuitiven Lauten und Bewegungen der Session. Es geht dabei nicht um kognitives Verstehen, sondern um das Lösen von Blockaden im Energiekörper, die dort wie hartnäckige Marginalien kleben geblieben sind.
Der gefährliche Reiz der Trauma-Suche
Hier muss ich jedoch eine Randnotiz machen, die mir wichtig ist. In meiner systematischen Aufarbeitung ist mir eines klar geworden: Die ständige Suche nach vererbten Traumata kann eine neue Form der Selbstsabotage sein. Wenn wir jedes Unwohlsein, jede kleine Unsicherheit sofort als „Ahnenlast“ deklarieren, binden wir uns stärker an die Vergangenheit, als wir sie lösen.
Man kann sich in den Regalen der Ahnenforschung auch verlaufen. Wer nur noch nach dem sucht, was „falsch“ gelaufen ist, übersieht den aktuellen Moment. Ich habe selbst erlebt, wie ich eine Woche lang gar nichts gemacht habe, weil ich merkte, dass ich die Ahnenarbeit als Ausrede benutzte, um mich nicht mit einer ganz realen, gegenwärtigen Entscheidung im Job auseinanderzusetzen. Die Ahnenlinie zu fühlen ist wertvoll, aber sie darf nicht zum Gefängnis aus alten Geschichten werden.
Es gab Momente, in denen die Systematik allein nicht reichte, um den Schmerz zu greifen. In einem früheren Eintrag habe ich darüber nachgedacht, warum die Andreas Goldemann Kurse bei tiefer Trauer helfen können, besonders wenn die Worte fehlen, um das Unaussprechliche zu katalogisieren. Es ist ein Balanceakt zwischen dem Archivieren der Vergangenheit und dem Leben im Jetzt.
Ein Moment der Klarheit zwischen den Bücherregalen
Der eigentliche Durchbruch kam nicht während einer Sitzung, sondern an einem Nachmittag Ende Juni in der Bibliothek. Ich war gerade dabei, einige Neuerwerbungen einzusortieren, als ein schwerer Bildband aus dem Regal rutschte und mit einem lauten Knall auf den Boden schlug. Früher hätte mich dieses Geräusch in eine sofortige, scharfe Panik versetzt – ein Herzrasen, das Minuten angehalten hätte.
Doch diesmal blieb ich ruhig. Mein Körper reagierte mit einem kurzen Reflex, aber der alte, tiefe Schrecken blieb aus. Es war, als hätte jemand eine falsche Verknüpfung in meinem System gelöscht. Ich hob das Buch auf und spürte eine tiefe, geerdete Ruhe. In diesem Moment wusste ich, dass die Arbeit an der Ahnenlinie Früchte trägt, auch wenn man es im Alltag oft nicht sofort bemerkt.

Ich habe mittlerweile alle vier phoenix999-Kurse durchgearbeitet. Es war kein linearer Prozess. Es gab Wochen, in denen ich die Sessions nach fünf Minuten abgebrochen habe, weil mein Kopf zu voll war mit Inventurlisten und Nutzeranfragen. Manchmal fühlte sich die Arbeit auch einfach nur leer an, wie ein Buch mit leeren Seiten. Aber die Kontinuität ist das, was zählt. Es ist wie das Pflegen eines Katalogs: Man muss immer wieder drübergehen, korrigieren und ergänzen.
Vom solar plexus bis zu den Zehen: Eine körperliche Revision
An einem Sonntagabend vor ein paar Wochen saß ich wieder an meinem Schreibtisch. Ich spürte ein Kratzen des Füllfederhalters auf dem leicht strukturierten, cremefarbenen Papier meines Leinen-Hefts, während ich die Erfahrungen der letzten Monate zusammenfasste. Es ist ein beruhigendes Geräusch, fast wie ein leises Flüstern im Lesesaal.
Ich erinnerte mich an eine spezifische Vokalsequenz aus dem Kurs „Zurück zum Ursprung“. Während Andreas diese Töne erzeugte, spürte ich eine plötzliche, ausstrahlende Wärme, die sich von meinem Solarplexus bis hinunter in meine Zehen ausbreitete. Es war kein Einbildungseffekt, sondern eine physische Reaktion, als würde sich ein jahrelang festsitzender Knoten im Gewebe auflösen. Solche Momente sind meine persönlichen Beweisstücke für die Wirksamkeit dieser Methode, ganz ohne dass ich daraus eine neue Religion machen muss.
Wer sich auf diesen Weg begibt, sollte wissen, dass es keine Abkürzung gibt. Man kann wie man transgenerationale Traumata heilen kann ohne eine Therapie zu beginnen zwar als Leitfaden nutzen, aber die eigentliche Arbeit findet in der Stille des eigenen Wohnzimmers statt. Ich bin keine Therapeutin und habe keinerlei medizinische Ausbildung. Ich bin eine Frau, die gelernt hat, ihren eigenen „Bestand“ zu sichten. Solltest du jedoch unter schweren, klinischen Ängsten leiden, ist die Begleitung durch einen Arzt oder Psychotherapeuten absolut notwendig – energetische Arbeit ist ein Werkzeug zur Selbsthilfe, kein Ersatz für professionelle Medizin.
Heute Abend schließe ich mein Heft und blicke hinaus in die Dunkelheit über dem Sanssouci-Park. Die Geschichte meiner Vorfahren ist immer noch da, sie ist Teil meiner Signatur. Aber sie diktiert mir nicht mehr, wie schnell mein Herz schlagen darf, wenn ein Buch auf den Boden fällt. Die Altlasten sind zu Aktenstücken geworden, die ich zwar aufbewahre, die mich aber nicht mehr am Atmen hindern. Es ist ein freies Leben, in dem ich die Bibliothekarin meiner eigenen Seele bin – präzise, ruhig und endlich im Reinen mit dem, was war.