
Sieben Karten liegen unter dem Reiter „Ahnenlinie" in meinem Kasten, jede mit Datum und einer kurzen Randnotiz, sonst nichts. Wer von außen auf diese Art der Ahnenarbeit blickt, hält sieben Karten vielleicht für wenig. Für mich sind sie das Ergebnis einer Systematik, die ich in der Potsdamer Fachbibliothek beruflich einsetze und abends auf die eigene Selbstreflexion übertrage – nüchtern, ohne die Erwartung, dass jede Karte etwas auflöst.
Ein Mitpraktizierender aus einem Online-Workshop, Przemek Kujawski, hat mich vor einiger Zeit in einer Pause etwas gefragt, das mir seither im Kopf geblieben ist: nicht was man in dieser Arbeit macht, sondern warum die Reihenfolge so ist, wie sie ist. Diese Bestandsaufnahme ist mein Versuch, genau darauf eine ordentliche Antwort zu geben, ohne Räucherstäbchen und ohne große Versprechen, mit derselben Systematik, mit der ich beruflich Bestände katalogisiere.
Ahnenarbeit als Systematik, nicht als Zeremonie
Für Einsteiger klingt Ahnenlinie heilen oft nach etwas Diffusem. In meiner Vorstellung ist es dagegen ziemlich konkret: Eine Ahnenlinie ist der Bestand an Mustern, Reflexen und emotionalem Material, das über Generationen weitergereicht wurde und irgendwann bei dir landet, ohne dass du ihn selbst angelegt hast. Kraft der Ahnen, der erste der vier Kurse, die ich durchgearbeitet habe, liefert dafür ein brauchbares Grundvokabular – wie die vier Kurse aufeinander aufbauen, ist ein eigenes Architekturthema, das an anderer Stelle sortiert liegt. Ich bin keine Therapeutin und habe keine schamanische Ausbildung, und genau deshalb behandle ich das Ganze wie eine Bestandsaufnahme: erfassen, einordnen, nicht sofort bewerten. Ob man das als Laie ohne Ausbildung überhaupt seriös betreiben kann, ist eine berechtigte Frage – eine, die an anderer Stelle eine ausführlichere Antwort bekommt, als hier Platz hat.

Die Nullpunkt-Prüfung: dein erster Bestandsaufnahme-Schritt
Die erste Übung für Einsteiger ist keine Meditation im klassischen Sinne, auch wenn beides oft in denselben Topf geworfen wird. Ich nenne sie die Nullpunkt-Prüfung. Du setzt dich aufrecht hin, schließt die Augen und gehst den Körper systematisch durch, von den Schultern bis zu den Füßen, so wie man ein Regal Meter für Meter abläuft. Wo zieht es? Wo sitzt ein Druck, der sich nicht durch die Uhrzeit oder die Sitzhaltung erklären lässt? Genau dieser Unterschied ist die eigentliche Prüfung, und wer Energetische Reinigung der Ahnenlinie für mehr innere Ruhe im Alltag schon einmal ausprobiert hat, kennt den Moment, in dem der Körper plötzlich sehr genau wird.
Der Test funktioniert übrigens auch unterwegs. Am Stand einer Händlerin auf dem Wochenmarkt am Bassinplatz habe ich neulich eine Enge in der Brust gespürt, die nichts mit dem Gemüse oder dem Gedränge zu tun hatte – ein Signal, das älter wirkte als die Situation, in der es auftauchte. Solche Momente notiere ich später, mit Ort und Datum, aber ohne sie sofort zu deuten.
Woran du erkennst, was dir gehört – und was nicht
Hier liegt der eigentliche Kern der Ahnenlinie-Arbeit, und er lässt sich als klare Entscheidungsregel formulieren. Frage dich bei jedem belastenden Gefühl: Fühlt es sich alt an, staubig, wie aus einer anderen Zeit? Würdest du es wählen, wenn du heute als unbeschriebenes Blatt geboren wärst? Wenn die Antwort auf die zweite Frage Nein ist, markiere ich es als Fremdbestand – als etwas, das zur Ahnenlinie gehört und nicht zur eigenen Geschichte. In der Epigenetik wird einiges dazu erforscht, wie Erfahrungen über Generationen Spuren hinterlassen können, aber das Fachliche überlasse ich den Fachleuten dort. Für meine Praxis reicht die einfache Signatur-Frage. Blockierende Familienmuster fallen einem dabei meist erst auf, wenn man mehrere Signaturen nebeneinanderlegt, und das ist wieder ein eigenes Kapitel für sich. Was viele vorschnell als energetische Blockade bezeichnen, ist in meiner Kartei meistens nur ein Bestand, der noch keine Signatur bekommen hat. Begriffe wie Signatur oder Fremdbestand stammen aus einem größeren Kursvokabular, das andernorts als Glossar zusammengetragen ist.

Wenn die Systematik nichts liefert: leere Karten sind kein Fehler
Es wäre unehrlich zu behaupten, dass jede Sitzung zu einer Erkenntnis führt. Manchmal bleibt das Archiv tagelang geschlossen, und in meinem Heft steht für diese Phasen nur ein Datum und der Vermerk „kein Zugriff auf den Bestand". Vorher hatte ich mich für einen Yoga-Kurs beim Sportverein angemeldet, bin dreimal hingegangen und danach nicht mehr – diese Systematik hier hat bislang gehalten, wahrscheinlich, weil sie leere Karten ausdrücklich erlaubt, statt sie als Scheitern zu werten. Walburga Stenz, eine Trauerbegleiterin aus dem Potsdamer Hospizverein, mit der ich hin und wieder telefoniere, lässt in solchen Gesprächen die Pausen einfach stehen, bis ich von selbst weiterspreche, und davon habe ich mir für meine eigenen leeren Karten einiges abgeschaut. Neulich saß ich über alten Unterlagen meines Vaters und ließ meine Lieblingstasse kalt werden, ohne es zu merken – die Trauerbewältigung nach seinem Tod im Herbst 2022 läuft nebenher mit, auch wenn sie hier nicht das Thema ist. Wer sich fragt, was diese Arbeit wirklich bringt, dem würde ich raten, die Andreas Goldemann Phoenix999 Kritik: Was bringt die Arbeit mit Ahnen? zu lesen. Ich bin keine Therapeutin und ersetze mit dieser Systematik keine professionelle Trauerbegleitung oder Psychotherapie – wenn die Last zu schwer wird, gehört sie zu einem Facharzt oder einer Therapeutin, nicht in einen Karteikasten.

Die Rückgabe in drei Schritten üben
Für die praktische Umsetzung reicht ein einfacher Dreischritt, den auch Einsteiger ohne Vorkenntnisse sofort anwenden können. Zuerst die morgendliche Inventur: fünf Minuten vor dem ersten Kaffee, aufrecht sitzen, spüren, wo im Körper sich etwas „besetzt" anfühlt, und das kurz notieren. Danach die Herkunftsprüfung, also genau die Signatur-Frage von oben, angewendet auf das, was gerade notiert wurde. Und zum Schluss das Ablegen im Archiv: sich vorstellen, das Gefühl an den Platz im Regal zurückzustellen, der für die entsprechende Person reserviert ist, ohne es wegzaubern zu wollen – man stellt es nur dorthin zurück, wo es hingehört. Wie ich diese drei Schritte danach ins Heft übertrage, mit Datum, Randnotiz und Querverweis, ist ein eigenes Protokollthema, das ich andernorts ausführlicher beschrieben habe. Andreas Goldemanns Methode dahinter, warum gerade diese Reihenfolge funktioniert, habe ich an anderer Stelle im Detail durchleuchtet – für den Einstieg reicht es, den Dreischritt ein paar Mal zu üben, bevor man ihn bewertet.
Die Ahnenlinie ist für mich kein mystisches Rätsel, sondern ein Bestand, den man mit der richtigen Systematik verwalten kann – mit Respekt und mit professioneller Distanz. Nicht jede Karte muss etwas bedeuten. Manche bleiben leer, und auch das gehört zur Systematik.