
An einem stillen Morgen Anfang Mai stand ich mit einer Tasse kalt gewordenem Tee am hohen Fenster meiner Potsdamer Altbauwohnung. Der Blick ging hinüber in den noch feuchten Sanssouci-Park, und plötzlich begriff ich etwas: Das taube Gefühl in meinem Brustkorb war keine akute Trauer mehr. Es war das monotone, lautlose Funktionieren von vier langen Jahren.
Seit jener ganz normalen Donnerstagnacht im Herbst 2022, in der mein Vater ohne jede Vorwarnung an einem Herzinfarkt gestorben war, hatte ich mein Leben wie ein lückenlos geführtes Inventarverzeichnis aufrechterhalten. Ich ging jeden Morgen pünktlich in die Fachbibliothek, katalogisierte historische Drucke, tippte Signaturen in die Maske und beantwortete Anfragen von Lesern mit ruhiger, kontrollierter Freundlichkeit. Äußerlich war alles intakt. Innerhalb meines Körpers jedoch herrschte eine eigentümliche Schockstarre, ein Zustand permanenter Bereitschaft für die nächste Katastrophe.
Viele Menschen, die einen schweren Einschnitt erleben, kennen diesen Modus. Man bricht nicht zusammen, weil der Alltag keine Lücken erlaubt. Man funktioniert einfach weiter, präzise und unerbittlich, bis der eigene Körper nur noch wie ein mechanisches Tragegestell wirkt.
Das Missverständnis der Wiederherstellung

In den ersten Monaten nach dem Verlust las ich Ratgeber, sprach mit Freunden und versuchte krampfhaft, jene Version meiner selbst zurückzugewinnen, die vor jenem Herbst existiert hatte. Ich wollte wieder so unbeschwert lachen können, wollte denselben leichten Schritt haben, dieselbe Selbstverständlichkeit im Denken. Es war ein fast restauratorischer Ehrgeiz, ganz ähnlich wie in der Bibliothek, wenn wir versuchen, ein beschädigtes Lederbändchen aus dem achtzehnten Jahrhundert so auszubessern, dass kein Riss mehr sichtbar bleibt.
Doch genau hier lag mein größter Denkfehler.
Die ständige Suche nach dem alten Ich nach einem Trauma ist oft das größte Hindernis für wirkliche Erleichterung. Wer verbissen versucht, den Zustand von damals zu rekonstruieren, hält die Hände so fest um die Vergangenheit geschlossen, dass für ein neues, tragfähiges Fundament schlicht kein Raum bleibt. Das Festhalten an einer unversehrten Vergangenheit blockiert aktiv das Wachstum, das erst durch den Riss hindurch möglich wird. Ein Buch, dessen Rücken einmal gebrochen ist, lässt sich neu binden – aber es wird nie wieder genau dieselbe Steifigkeit besitzen wie vor der Beschädigung. Und das muss es auch nicht.
In meiner Dokumentation – ich führe für diese Prozesse seit geraumer Zeit ein fest gebundenes Leinen-Heft und einen gelben Karteikasten auf meinem Schreibtisch – begann ich diesen inneren Zustand als »fossiles Gefüge« zu bezeichnen. Die Muskulatur, die Faszien, die innere Haltung: Alles war erstarrt, um mich vor weiterem Schmerz zu schützen.
Vom Verstand hinunter in das Skelett
Irgendwann half kein rein kognitives Verstehen mehr. Wenn der Schock im Gewebe sitzt, lässt er sich nicht durch vernünftige Argumente herausdiskutieren. Ich bin weder Ärztin noch Therapeutin, sondern eine Bibliothekarin, die gewohnt ist, Dinge nach einer klaren Systematik zu ordnen. Bei schwerer seelischer Not oder anhaltenden Depressionen führt kein Weg an einer professionellen Trauerbegleitung oder ärztlichen Psychotherapie vorbei; das sollte man sich bei Bedarf immer ohne falsche Scheu eingestehen.
Für mein eigenes, stilles Nachbearbeiten suchte ich jedoch nach einem Weg, der den Körper direkt adressierte, ohne dass ich wieder endlose Gedankenschleifen wälzen musste. So begann ich vor etwa sechs Monaten, die Module von Zurück zum Ursprung systematisch durchzugehen. Andreas Goldemann nutzt in diesen Sessions weder mentale Affirmationen noch körperliche Berührungen, sondern arbeitet rein intuitiv mit Lauten, Tonfrequenzen und feinen Bewegungsimpulsen. Man sitzt einfach da, lauscht und spürt hin.
Was mich als ordnungsliebenden Menschen sofort ansprach, war der anatomisch logische Aufbau: Die energetische Klärung arbeitet sich konsequent an der menschlichen Wirbelsäule entlang nach oben. Insgesamt 24 frei bewegliche Präsakralwirbel – die 5 Lendenwirbel, 12 Brustwirbel und 7 Halswirbel – werden Modul für Modul durchlaufen, beginnend tief unten am Kreuzbein bis hinauf zur Schädelbasis.
Ich behandelte diese Sitzungen wie die sorgfältige Kollationierung eines vielbändigen Werks. Jeden Morgen vor der Arbeit reservierte ich mir dreißig ungestörte Minuten. Wenn der Nebel noch über den Rasenflächen von Sanssouci lag und die Dielen im Flur leise knarrten, saß ich auf meinem Stuhl und lauschte den Klängen.
Graphitstift auf rauem Leinenpapier kratzt trocken in der Morgendämmerung, während der Frühnebel noch die Baumkronen des Parks verhüllt. Das war das vertraute Geräusch meiner Marginalien: Datum am Rand, Kurzbeschreibung der behandelten Wirbelsegmente, Notizen über spürbare Widerstände.
Wenn die Schutzpanzerung nachgibt

Die ersten vier Wochen verliefen erstaunlich unspektakulär. Es gab Tage, an denen absolut gar nichts passierte. Mein Verstand schweifte ab zu den fälligen Leihfristen, zur Kaffeemaschine im Archiv oder zu einer Signatur, die ein Kollege am Vortag falsch abgelegt hatte. Mehr als einmal brach ich eine Sitzung nach fünfzehn Minuten ab, weil ich schlicht keine Geduld aufbrachte und mich fragte, warum ich überhaupt meine Zeit damit verbrachte.
Doch nach etwa fünf Wochen morgendlicher Einheiten, als die Sessions das Kreuzbein und den tiefen Lendenbereich erreichten, änderte sich etwas Grundlegendes.
Gerade im Becken und im unteren Rücken sitzt die Reflexhaltung des »Sich-Zusammenreißens«. Als damals mitten in der Nacht der Anruf aus dem Krankenhaus kam und ich minutenlang reglos im kalten Hausflur gestanden hatte, hatte sich mein Becken unwillkürlich nach vorne geschoben und die Lendenwirbelsäule verhärtet – ein instinktives Einklemmen, um den Schock abzufedern. Diese Haltung hatte ich seit fast vier Jahren beibehalten.
Während einer Session zur Lendenregion passierte es dann ohne Vorwarnung: Ein unwillkürliches Schaudern lief durch die untere Wirbelsäule, gefolgt von einer tiefen, fast erschrockenen Ausatmung, die zum ersten Mal seit Monaten meine Kiefergelenke schlagartig löste. Es war kein spektakulärer Heureka-Moment. Es war eher so, als würde ein jahrzehntelang verklemmter Schubkasten im Archiv mit einem leisen Ruck wieder in seine Führungsleiste rutschen.
Plötzlich floss Wärme in den Bauchraum. Ich merkte, wie viel Anspannung ich in dieser Körperzone gebunkert hatte – ähnlich wie ich es damals schon beobachtet hatte, als ich über Magen-Darm-Probleme nach dem Trauerfall nachdachte. Wenn das vegetative Nervensystem jahrelang Alarm meldet, rebelliert das Innere unweigerlich.
Das Loslassen der ständigen Vorbereitung
Was bedeutet es eigentlich, zurück zum eigenen Ursprung zu finden? Für mich bedeutete es keineswegs, den Tod meines Vaters ungeschehen zu machen oder so zu tun, als sei die Welt noch derselbe unbeschwerte Ort wie im Sommer 2022. Verlust hinterlässt eine Lücke im Bibliothekskatalog des Lebens; dieser Band fehlt, und keine Neuanschaffung ersetzt ihn.
Aber der Ursprung meint die neutrale, unbesetzte Grundspannung deines Körpers. Jenen Zustand, in dem die Wirbelsäule dich trägt, ohne dass deine Muskulatur krampfhaft nachhelfen muss. Wenn dieser Zustand wieder zugänglich wird, verliert das ständige Kontrollieren seine Dringlichkeit. Man muss nicht mehr jeden Gedanken dreimal prüfen oder die eigene Unsicherheit durch Perfektionismus übertünchen – ein Thema, das mir auch begegnete, als ich begann, den inneren Kritiker zu beruhigen.
Ende September, als die Blätter im Schlosspark goldbraun wurden und die Luft nach feuchtem Waldboden roch, bemerkte ich die Veränderung auf meinem täglichen Arbeitsweg. Ich ging nicht mehr mit eingezogenen Schultern und vorgebeugtem Kopf, als müsste ich gegen einen unsichtbaren Sturm anrennen. Mein Blick wanderte wieder nach oben, in die Stuckverzierungen der Gründerzeitfassaden in der Allee, in die Baumkronen.
Die 24 Wirbelsegmente fühlten sich in meiner Wahrnehmung nicht mehr wie ein zusammenhängender, starrer Stab an, sondern wie eine bewegliche Kette. Jedes Glied hatte wieder ein winziges Stückchen Spielraum zurückerhalten.
Praktische Hinweise für den eigenen Weg aus der Starre

Falls du selbst nach einem Schicksalsschlag merkst, dass du seit Monaten oder Jahren nur noch funktionierst, können folgende Orientierungspunkte aus meinen eigenen Tagebucheinträgen hilfreich sein:
- Höre auf, dein früheres Selbst zu suchen: Versuche nicht, genau die Person zu werden, die du vor dem Ereignis warst. Begreife den Einschnitt als Zäsur, die eine veränderte, tiefere Statik verlangt. Der Versuch, das Gestern zu konservieren, kostet die meiste Kraft.
- Arbeite über die Anatomie, nicht über den Verstand: Gedanken drehen sich nach Schocks oft im Kreis. Die systematische Konzentration auf konkrete Wirbelabschnitte – von den 5 Lendenwirbeln über die 12 Brustwirbel bis zu den 7 Halswirbeln – gibt dem Geist ein stabiles Geländer, ohne emotionale Dramen wiederholen zu müssen.
- Dokumentiere nüchtern und wertfrei: Lege dir ein einfaches Notizheft an. Notiere nur das Datum, die bearbeitete Region und reine Körpersensationen (Wärme, Kälte, Schwere, Druck). Verzichte auf übertriebene spirituelle Interpretationen. Nüchterne Präzision beruhigt das Nervensystem.
- Akzeptiere Phasen von absolutem Stillstand: In manchen Wochen passiert schlicht gar nichts. Eine Schutzpanzerung, die über Jahre aufgebaut wurde, lässt sich nicht in drei Tagen auflösen. Geduld ist hier kein moralischer Wert, sondern eine biologische Notwendigkeit.
Wenn die Angst vor dem Morgen dennoch wieder aufflammt, lohnt es sich oft, die eigene Verwurzelung tiefer zu betrachten – darüber habe ich mir schon damals Gedanken gemacht, als es darum ging, Zukunftsangst zu bewältigen und den Halt im eigenen Fundament wiederzufinden.
Die Gegenwart wieder bewohnen
An diesem Sonntagabend sitze ich wieder an meinem gewohnten Platz. Auf dem Tisch steht die Leselampe, deren grüner Glasschirm ein ruhiges Licht auf das Leinen-Heft wirft. Neben mir liegt der Karteikasten mit den Signaturen meiner eigenen inneren Bestandsaufnahme.
Mein Vater fehlt mir noch immer. Manchmal reicht der Duft von geröstetem Filterkaffee in der Teeküche im ersten Stock der Bibliothek, und eine Welle von Wehmut zieht durch den Raum. Aber diese Wehmut schnürt mir nicht mehr die Kehle zu. Sie legt sich nicht mehr wie Zement auf mein Kreuzbein.
Zurück zum Ursprung zu finden bedeutet am Ende vielleicht gar nichts Spektakuläres. Es bedeutet schlicht, dass der Körper aufhört, gegen eine Katastrophe zu kämpfen, die längst vorüber ist. Es bedeutet, den eigenen Atem wieder bis ganz hinunter in das Becken sinken zu lassen – und an einem ganz normalen Montagmorgen die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zu ziehen, ohne innerlich in Deckung zu gehen.