
Die Straßenbahn quietscht gedämpft von der Allee herüber, ein Geräusch, das inzwischen eher nach Zuhause klingt als nach Verkehr. Am Schreibtisch mit Blick auf die kahlen Kronen im Park liegt der gelbe Karteikasten griffbereit, das Leinenheft daneben aufgeschlagen bei einer noch unbeschriebenen Seite. Ein Hinweis, bevor die eigentliche Kritik beginnt: In diesem Text stecken vereinzelt Empfehlungslinks, für die ich eine Provision bekäme, würdest du darüber buchen – Mehrkosten entstehen dir dadurch keine, verlinkt wird ausschließlich, was ich selbst Modul für Modul durchgearbeitet habe. Dieser Eintrag aus meinem phoenix999-Selbsttest-Tagebuch ist weder Werbung noch Verriss, sondern die nüchterne Bestandsaufnahme einer Bibliothekarin, für die Ahnenarbeit inzwischen zur festen Erfahrung geworden ist, so gründlich katalogisiert wie früher nur die Fachliteratur an ihrem Ausleihschalter.
Wo diese Kritik ansetzt: phoenix999 ist kein Wellness-Format für zwischendurch
Andreas Goldemann selbst nennt seine Arbeit eine Auseinandersetzung mit der eigenen Ahnenlinie, nicht mit einzelnen Ahnen als Personen – ein Unterschied, der in der Außendarstellung der Kurse oft verschwimmt. Wer sich genauer mit seiner Methode befasst, findet Sprache, die manchmal weiter greift als das, was eine einzelne Session tatsächlich leisten kann; wo genau diese Grenze verläuft, seziere ich an anderer Stelle ausführlicher, hier reicht der Hinweis. Aus der eigenen Trauerbewältigung nach dem Tod meines Vaters kam ich zu alle 4 Phoenix999 Kurse im Selbsttest, mit einer festen Reihenfolge, die ich bis heute einhalte.
Bevor phoenix999 in mein Archiv kam, hatte ich es mit klassischeren Wegen versucht. Aus der Bücherei lieh ich mir Entspannungs-CDs aus und schlief regelmäßig spätestens beim dritten Track ein, ohne dass sich an der Grundspannung danach etwas verändert hätte. Das ist der Unterschied, den ich in dieser Kritik nicht unterschlagen will: passives Anhören entspannt vielleicht den Körper für ein paar Minuten, es bewegt aber nichts in der Struktur dahinter.

Für wen ist die Arbeit mit der Ahnenlinie überhaupt geeignet?
Genau hier liegt der wichtigste Kritikpunkt, den ich in meinem Heft unter der Rubrik für offene Fragen führe. Wer sich in einer akuten psychischen Krise befindet, sollte diese Arbeit nicht allein und ungeleitet im Wohnzimmer beginnen. Andreas Goldemann arbeitet mit Tönen und Bewegungen, die spürbar tief in ein System eingreifen, das bei manchen Menschen ohnehin schon dünn austariert ist – das ist kein sanftes Nebenbei-Format. Ich bin keine Therapeutin und ersetze mit meinen Notizen keine Behandlung; das steht auch am Ende dieses Textes noch einmal ausdrücklich.
Ein zweites Kriterium betrifft die Bereitschaft, überhaupt biografisch zu arbeiten. Wer versucht, die eigene Ahnenlinie zu heilen, stößt zwangsläufig auf blockierende Familienmuster, die über Generationen weitergereicht wurden – wie man solche Muster im eigenen Alltag erkennt, ist ein eigenes Thema für sich. Eine energetische Blockade ist in diesem Vokabular eher eine Arbeitshypothese als ein diagnostischer Begriff. Nötig ist dafür keine schamanische Ausbildung und kein jahrelanges Studium der Epigenetik, aber Offenheit für Fragen, auf die es keine schnelle Antwort gibt.

Die Zeitinvestition, die selten ehrlich benannt wird
Niemand verspricht in der Werbung, wie viel Ausdauer diese Arbeit tatsächlich braucht. Wer glaubt, sieben Generationen ließen sich in ein paar Wochen 'wegatmen', wird enttäuscht. Bei mir war der Einstieg Kraft der Ahnen, der überschaubarste der vier Kurse, und selbst der zog sich über einen Zeitraum, der eher an eine Bestandsrevision erinnert als an ein Wochenendseminar.
Später zeigte sich das noch deutlicher bei der Zähne-Edition, die spürbar mehr verlangt als die anderen Editionen: ruhige Abende mit Zeit danach, keine hastig eingeschobene Session vor dem Einschlafen. Wer diese Geduld nicht aufbringen will oder kann, wird die eigentliche Tiefe der Methode nicht zu fassen bekommen – das ist keine Enttäuschung der Kurse, das ist einfach ihre Statur.
Sprache und Versprechen kritisch lesen
Manche Begriffe aus den Kursen tragen mehr Bedeutung, als eine einzelne Übung tatsächlich einlösen kann; welche das genau sind und wo die Grenze zwischen treffender Metapher und Überversprechen verläuft, habe ich an anderer Stelle systematisch aufgeschlüsselt. Als Faustregel reicht mir inzwischen eine einfache Prüfung: Beschreibt ein Wort etwas, das ich in der Session körperlich oder emotional tatsächlich gespürt habe, oder klingt es nur gut auf der Verkaufsseite? Bei 'Durchlässigkeit' zum Beispiel kann ich das bejahen, bei manch anderem Begriff bin ich mir bis heute nicht sicher.
In einem der Live-Workshops von Andreas Goldemann saß ich einmal mit Przemek Kujawski im virtuellen Warteraum der Pause, und er sagte, er verarbeite das Ganze lieber im Gespräch als auf dem Papier. Das hat mich daran erinnert, dass mein eigenes System aus Karteikasten und Leinenheft nur eine von vielen möglichen Formen ist, mit dem Material umzugehen – wie ich meine Sessions konkret dokumentiere und worauf ich beim Ruhe finden am Sonntagabend achte, beschreibe ich an anderer Stelle ausführlicher. Wer beim Schreiben blockiert, sollte es mit Sprechen versuchen, notfalls auch nur mit sich selbst.
Meditationspraxis im engeren Sinn ist das, was ich morgens vor der Arbeit mache, eigentlich nicht – eher ein ruhiges Durchgehen offener Punkte, näher an einer Manuskriptdurchsicht als an einer Sitzmeditation, wie andere sie beschreiben.

Was am Ende im Bestand bleibt
Auf dem Rückweg durch den Sanssouci-Park bemerkte ich neulich, dass ich die letzten zwanzig Minuten an gar nichts Bestimmtes gedacht hatte, auch nicht an meinen Vater.
Kein großer Moment, nur eine Randnotiz, die später ins Heft wanderte.
Nüchtern beschrieben bringt die Arbeit mit den Ahnen am Ende, wenn man die Werbesprache beiseitelässt, Struktur in ein Gefühl, das vorher nur diffus schwer war, ohne es vollständig aufzulösen. Wie eine Software zur Katalogisierung der Seele funktioniert Andreas Goldemanns Methode nur, wenn man selbst bereit ist zu sortieren, statt auf ein fertiges Ergebnis zu warten. Wer nach dieser Kritik immer noch neugierig ist, sollte mit dem ersten Modul beginnen und nichts über Nacht erwarten – sondern eine ehrliche, manchmal mühsame Bestandsaufnahme.