Mein Seelenpfad

Dunkle Jahreszeit überstehen: Wie die Kraft der Ahnen bei Trauer im Herbst hilft

Dunkle Jahreszeit überstehen: Wie die Kraft der Ahnen bei Trauer im Herbst hilft — Symbolbild für Ahnenarbeit und Trauerbewältigung in der dunklen Jahreszeit
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Ein Wochenendworkshop zur Trauerbewältigung dauert zwei volle Tage, eine Morgensession aus dem Kraft-der-Ahnen-Kurs zwanzig Minuten — und nur eine der beiden Zeitspannen hat bei mir wirklich etwas in Bewegung gebracht. Gebucht hatte ich den Workshop im letzten Herbst, mit festem Termin im Kalender, und ihn drei Tage vorher wieder abgesagt. Was seitdem trägt, ist keine große Veranstaltung, sondern die tägliche Ahnenarbeit mit den phoenix999-Kursen, hier in Potsdam, kurz vor der Arbeit in der Fachbibliothek.

Zur Transparenz vorab: In diesen Zeilen verlinke ich gelegentlich zu den Kursen von Andreas Goldemann. Buchst du darüber, bekomme ich eine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Ich schreibe hier nur über Erfahrungen, die ich selbst in meinem Bestand geprüft habe, meine vollständige Offenlegung findet sich am Seitenende.

Der Herbst 2022 hat sich lange wie eine fehlerhafte Signatur angefühlt, seit mein Vater in einer gewöhnlichen Nacht an einem Herzinfarkt gestorben ist, ohne Vorwarnung, ohne Querverweis auf eine Vorerkrankung. Monatelang habe ich versucht, einfach weiterzufunktionieren, wie ein beschädigtes Buch, das man trotz Wasserschaden zurück ins Regal stellt und hofft, dass niemand die gewellten Seiten bemerkt.

Genau dort setzt die Systematik an, mit der ich seit einiger Zeit arbeite. Kollegen in der Bibliothek ordnen Bestände nach der Regensburger Verbundklassifikation, ich fange an, innere Erfahrungen in einer Art Selbsttest-Tagebuch nach einem ähnlichen Prinzip abzulegen — nicht weil sich Trauer oder Ahnenarbeit kategorisieren lässt wie ein Sachbuch, sondern weil die Ordnung selbst schon etwas beruhigt.

Der Workshop, der nie stattfand

Der Workshop hätte in einem Seminarhaus außerhalb der Stadt stattgefunden, zwei Tage lang, mit einer festen Gruppe und einem festen Ablaufplan für die Trauerarbeit. Angemeldet hatte ich mich, kurz nachdem ein Kollege aus der Ausleihe den Flyer auf meinen Schreibtisch gelegt hatte, und in den Tagen davor wuchs ein Widerstand, den ich zuerst nicht benennen konnte. Am Ende habe ich drei Tage vor dem Termin abgesagt, mit der ehrlichsten Begründung, die ich finden konnte: Ich wollte meinen Vater nicht vor einer Gruppe Fremder benennen müssen, in einem festen Zeitfenster, das keine Rücksicht darauf nimmt, ob an diesem Wochenende gerade etwas zugänglich ist oder nicht.

Benedikta, eine Bekannte aus dem Andreas-Goldemann-Forum, hatte einen ähnlichen Workshop im Frühjahr besucht und mir danach eine lange Nachricht geschrieben, mit genauen Uhrzeiten zu jeder einzelnen Übung des Wochenendes. Genau dieses starre Gerüst war es, vor dem ich zurückgeschreckt bin — meine Praxis sollte sich nach dem Tag richten können, nicht der Tag nach der Praxis.

Manche Termine passen einfach nicht zur eigenen Trauer.

Detailaufnahme eines gelben Karteikastens mit handschriftlichen Notizen zur Ahnenarbeit im Selbsttest-Tagebuch.

Was macht man, wenn frische Trauer die Ahnenarbeit blockiert?

Die meisten Anleitungen zur Ahnenarbeit gehen davon aus, dass man ohne Umwege eine unmittelbare Nähe zu denen aufbauen kann, die vor einem da waren. Bei frischem Verlust stimmt das selten. Der Schmerz sitzt wie eine Wand direkt vor der eigenen Linie, sodass man nur die eine fehlende Person sieht und nicht die lange Kette dahinter.

Lieselind aus dem Trauercafé, die ihren Mann vor einiger Zeit verloren hat, hat mir einmal von einem ganz ähnlichen Gefühl erzählt — leise, wie sie überhaupt spricht, selbst wenn sie sichtlich aufgewühlt ist. Bei ihr war es keine Ahnenarbeit, sondern ein Fotoalbum, das sie monatelang nicht öffnen konnte. Das Prinzip dahinter kannte ich: Manche Türen lassen sich erst dann anfassen, wenn der erste Schreck nicht mehr ganz so frisch ist.

Was genau eine Ahnenlinie trägt und wie sich blockierende Familienmuster im Alltag zeigen, habe ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben — hier reicht der Hinweis, dass beides eng mit dem zusammenhängt, was man landläufig Trauerverarbeitung nennt. Für mein eigenes Vorgehen genügt inzwischen ein knappes Session-Protokoll im Leinen-Heft, eine Art, das eigene emotionale Erbe systematisch festzuhalten: Datum, ein Stichwort, manchmal nur ein Strich, der markiert, dass etwas stattgefunden hat.

Vier Wochen ohne Griff zum Handy

Nahaufnahme einer Hand, die nach einer phoenix999-Session ein Ahnen-Diagramm in ein Leinen-Heft zeichnet.

Der Weg, den ich inzwischen fast automatisch nehme, führt an der Schiffbauergasse entlang, am Wasser, kurz bevor die Bibliothek öffnet. Genau dort ist mir in der vierten Woche etwas aufgefallen, das vorher nie passiert war: Ich saß die ganze Session durch, ohne ein einziges Mal nach dem Handy zu greifen. Keine Push-Nachricht dazwischen, kein kurzer Blick, nur zwanzig Minuten am Stück.

Vorher war das Handy fast wie ein Reflex gewesen, sobald es in der Session zu still wurde. Mein Kiefer, der seit dem Herbst meines Vaters oft fest zusammengebissen war, lässt in solchen Sessions inzwischen zuverlässiger los. Das ist für mich der spürbarste Teil der inneren Anspannung, die sich dabei löst — kein Geheimnis, einfach ein Muskel, der endlich wieder darf.

Diese vier Wochen ohne den Handy-Reflex waren für mich der eigentliche Beleg, dass sich etwas verschiebt — keine große Emotion, sondern eine kleine, wiederholbare Verhaltensänderung. Wer nach einem Verlust neue innere Wurzeln und wieder Halt sucht, findet genau darin oft den ehrlicheren Anfang als in einem großen Gefühl.

Ehrlichkeit gehört ins Archiv

Nebelverhangener Herbstmorgen an der Havel nahe der Schiffbauergasse in Potsdam, Sinnbild für Trauerbewältigung und Ahnenarbeit in der dunklen Jahreszeit.

Nicht jede Woche liefert etwas Vorzeigbares fürs Leinen-Heft. Es gibt Einträge, die nur aus einem Datum bestehen und sonst nichts, weil an dem Morgen der Kopf schon bei der Ausleihe war, bei einer Signatur, die sich partout nicht auffinden ließ, oder bei einem Nutzer, der zum dritten Mal in der Woche zu spät zur Rückgabe kam. Das gehört genauso zum Bestand wie die Einträge, die etwas hergeben.

Manchmal reicht es, während der Mittagspause die Stirn kurz gegen das kühle Fensterglas im Pausenraum zu lehnen, um überhaupt wieder bei sich anzukommen — ganz ohne Session, ganz ohne Karteikasten.

Was am Ende bleibt, ist keine große Erkenntnis, sondern eine kleine Regel, die ich seit dem abgesagten Workshop für mich mitnehme: lieber ein festes, kurzes Zeitfenster, das ich täglich einhalten kann, als ein großes, das mich unter Druck setzt, an einem einzigen Wochenende etwas zu leisten. Mein Vater gehört inzwischen zu diesem Bestand dazu, nicht als offene Lücke, sondern als stille Randnotiz, die mitträgt, ohne dass ich sie jeden Tag lesen müsste.

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