
Dreimal fiel ich meiner Kollegin am Ausleihtresen ins Wort, bevor mir auffiel, was ich tat — kein hektischer Vormittag, keine Deadline, nur eine Unruhe, die sich seit Tagen wie eine feine Staubschicht über meine Sätze gelegt hatte. Ahnenarbeit klingt nach Kerzenlicht und geschlossenen Augen. Bei mir beginnt sie oft mitten im Diensttag, wenn eine alte Schwere plötzlich nach oben drängt und ich merke, dass die Wohnung, in die ich abends zurückkehre, seit dem Tod meines Vaters im Herbst 2022 eine andere Dichte angenommen hat. Die energetische Raumreinigung, die ich seither zuhause praktiziere, hat für mich weniger mit Räuchern zu tun als mit einem ehrlichen Blick auf das, was sich in den eigenen vier Wänden ansammelt.
Meine phoenix999-Erfahrung begann nicht mit einem Plan, sondern mit einem Zufallsfund auf YouTube — ein Ausschnitt aus Kraft der Ahnen, an einem Nachmittag, an dem ich zum ersten Mal seit Monaten länger als fünf Minuten still sitzen konnte. Seitdem führe ich, was ich für mich das Energetik-Tagebuch nenne: ein schlichtes Leinen-Heft, in dem jede Sitzung ein Datum bekommt, manchmal eine Randnotiz, selten mehr. Bibliothekarisch gesehen ist das nichts anderes als eine laufende Bestandsaufnahme — nur dass der Bestand meine eigene Gefühlswelt ist.
Energetische Raumreinigung als tägliche Übung
Jeden Morgen vor der Bibliothek widme ich mich einer Sitzung aus einem der vier aufeinander aufbauenden Kurse, manchmal nur einer kurzen Passage. Ich behandle diese Einheiten wie Archivmaterial: datiert, mit Marginalie zu Körperreaktionen, gelegentlich mit einem Verweis auf eine frühere Karte in meinem Karteikasten. Die Sitzung, die ich in Modul vier für mich schlicht die Raumübung getauft habe, ist die, zu der ich am häufigsten zurückkehre, wenn die Wohnung sich eng anfühlt.

Laienpraxis ohne Ausbildung heißt für mich: keine Zertifikate, keine Behauptung, ich könnte heilen, sondern eine ehrliche Übungsroutine, die ich so ernst nehme wie meine Katalogarbeit. Session-Protokolle helfen mir dabei mehr als jede Absicht. Ohne die Notiz von letzter Woche würde ich vergessen, dass eine bestimmte Ecke des Wohnzimmers schon einmal schwer war — und wieder leichter wurde.
Die Schwere einer Wohnung
Für mich sind es selten die großen Dinge. Es ist die Summe kleiner ungelöster Fäden: eine Familienmuster-Karte, die ich vor Wochen zur Seite gelegt habe, ein Familiengeheimnis, das ich mehr erahne als kenne, eine energetische Blockade, die ich meist erst am Nachmittag benenne, wenn der erste Ärger im Kollegenkreis schon passiert ist.
Ich unterscheide dabei, wie im Kursvokabular der Andreas-Goldemann-Methode üblich, zwischen der väterlichen und der mütterlichen Ahnenlinie, weil sich beide in meiner Wohnung unterschiedlich anfühlen — die eine eher im Flur, die andere eher in der Küche. Wenn ich in einem Raum stehe und nicht sofort weiß, woher die Schwere kommt, gehe ich diese Unterscheidung systematisch durch, bevor ich irgendetwas anderes versuche. Das ist banaler, als es klingt, aber es funktioniert öfter als Intuition allein.
Wie ich mein emotionales Erbe systematisch im Tagebuch dokumentiere, habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Hier reicht der Hinweis, dass die Dokumentation der eigentliche Motor der Trauerverarbeitung ist — nicht die einzelne Sitzung, sondern der Vergleich über Wochen hinweg.
Ich sagte den Workshop drei Tage vorher ab
Im Frühling hatte ich mich für ein Wochenende zur Trauerbewältigung angemeldet — ein Workshop mit fremden Menschen, einem fremden Raum, einem festen Programm. Drei Tage vorher habe ich storniert. Ich wusste in dem Moment nicht genau, warum. Heute vermute ich, dass ich Sitzungsarbeit als etwas sehr Eigenes empfinde, etwas, das eher in mein eigenes Ordnungssystem gehört als in einen Gruppenraum mit fremden Menschen.
Stattdessen bin ich an jenem Samstag auf den Pfingstberg gestiegen, allein, ohne Ziel außer der Bewegung. Der Blick von oben über die Dächer hat nichts „gelöst" im esoterischen Sinne, aber er hat mir Platz gegeben, den ich in einem Seminarraum wahrscheinlich nicht gefunden hätte.
Von diesem abgesagten Workshop habe ich später im Trauercafé erzählt, wo ich gelegentlich vorbeischaue. Lieselind Baumgärtner, eine Bekannte von dort, hatte wieder selbstgebackenes Brot mitgebracht und meinte nur, sie verstehe das gut — manche Dinge lassen sich nicht in einem fremden Rhythmus verarbeiten.
Die Ahnenlinie ins Wohnzimmer einladen
Die Übung selbst ist unspektakulär. Ich lasse die Stimme der jeweiligen Sitzung durch die Wohnung klingen, bewege mich bewusst durch die Zimmer, statt in klassischer Meditationspraxis reglos auf einem Kissen zu sitzen, und bleibe in den Ecken stehen, die sich beim Vorbeigehen dichter anfühlen.
Dabei geht es mir nicht darum, die Erinnerung an meinen Vater aus der Wohnung zu vertreiben. Im Gegenteil: Ich lade die Ahnenlinie aktiv ein, statt den Verlust wie einen Eindringling zu behandeln, den man mit Räucherstäbchen austreiben müsste. Ein geordneter Platz ist etwas anderes als ein leerer Raum.

Woche sechs: Eine Unterbrechung zu viel
In der sechsten Woche nach dem vierten Modul kam die Sache mit dem Ausleihtresen wieder hoch, diesmal als etwas, das ich mir notiert habe, statt es einfach zu überspielen. Ich hatte meine Kollegin unterbrochen, mitten im Satz, und keine Sekunde später weitergesprochen, ohne mich zu entschuldigen. Keine große Sache, dachte ich zuerst. Im Karteikasten, unter einer Karte zur väterlichen Linie, fand ich später eine Notiz aus einer früheren Woche, die fast wortgleich dasselbe beschrieb.
Seit diesem Fund achte ich bewusster darauf, wann ich Menschen ins Wort falle — nicht aus Effizienz, sondern weil es meistens genau dann passiert, wenn im Hintergrund etwas Ungeklärtes drängt. Eine spätere Entschuldigung hilft dabei wenig; wichtiger ist, im Moment selbst kurz innezuhalten.
Wie ich generell die Weisheiten der Ahnen in meinem Karteikasten ordne, ist fast wichtiger geworden als die einzelne Sitzung — die Systematik zeigt mir Muster, die eine einzelne Erfahrung allein nie zeigen würde. Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen einer Sitzung und einer bloßen Stimmung.
Was am Ende bleibt
Eine Bekannte aus dem Andreas-Goldemann-Forum, Benedikta Czorny, hat mir kürzlich geschrieben, sie lese sich vor jeder Sitzung erst gründlich die Lektionsuntertitel durch, bevor sie überhaupt beginnt. Ich mache das Gegenteil — ich starte lieber und ordne danach ein, was passiert ist. Beide Wege führen offenbar zum selben Karteikasten.

Der Raum, in dem mein Vater fehlt, ist heute kein Mausoleum mehr, aber auch keine leere Fläche, die ich einfach neu gestrichen habe. Er ist eher wie ein gut geführter Bestand: zugänglich, sortiert, mit Lücken, die offen bleiben dürfen. Bevor ich versuche, ein schweres Gefühl loszuwerden, frage ich heute zuerst, welchen Platz es eigentlich braucht — das ist die eine Regel, die aus all den Sitzungen übrig geblieben ist, und die einzige, die ich wirklich weitergeben würde.
Über die Einsamkeit, die nach einem solchen Verlust zwangsläufig folgt, habe ich an anderer Stelle geschrieben — genauer, wie ich die Einsamkeit nach dem Todesfall durch Ahnenarbeit bewältige. Die Raumreinigung war dafür so etwas wie das Fundament: ein Ort, an dem ich allein sein kann, ohne mich einsam zu fühlen. Ich schlage mein Leinen-Heft zu, stelle den Karteikasten zurück und bin bereit für die neue Woche in der Bibliothek.