
Wie viel von dem, was in deinem Kopf kreist, gehört eigentlich dir – und wie viel hast du nur übernommen, ohne je zu fragen, von wem? Eine fertige Antwort habe ich darauf nicht, aber seit ich mit Ahnenarbeit übe, stelle ich mir die Frage öfter als früher. Es geht mir dabei nicht um große Erleuchtung, sondern um etwas Kleineres und Nützlicheres: mehr Lebenskraft im Alltag, einen Kopf, der nicht ständig unter fremdem Gepäck ächzt. Zwischen den phoenix999-Kursen, mit denen ich mich schon eine Weile beschäftige, sind mir zwei ziemlich unterschiedliche Übungen für einen freien Kopf hängengeblieben, und ich stelle sie hier bewusst nebeneinander, weil sie nicht an jedem Tag gleich gut funktionieren.
Bevor ich bei dieser Art von Übung gelandet bin, hatte ich anderes versucht. Eine Zeit lang war ich bei einer Psychotherapeutin, drei Sitzungen lang, dann habe ich es nach etwa zwei Monaten wieder sein lassen – nicht weil dort schlecht gearbeitet wurde, sondern weil ich damals einfach noch nicht bereit war, in dieser Form über meinen Vater zu sprechen. Das ist keine Kritik an Therapie, nur eine Beschreibung dessen, was bei mir zu diesem Zeitpunkt nicht gepasst hat.
Kuratierte Sammlungen faszinieren mich unabhängig davon, in welchem Bestand sie stehen. Die weitläufigen Anlagen von Sanssouci folgen einer ganz eigenen Ordnung, ähnlich wie die Karteikästen in meiner Bibliothek. Bei der Ahnenarbeit ist das anders, weil ich nicht mit fremden Beständen arbeite, sondern mit meinen eigenen Gedanken. Zwei Übungen haben sich dabei als besonders brauchbar erwiesen, und sie funktionieren nach ziemlich unterschiedlichen Prinzipien.
Die stille Ahnenarbeit: die Ahnenlinie einfach da sein lassen
Die erste Übung ist die stillere von beiden. Ich setze mich hin, meistens am Morgen, und lasse die Ahnenlinie einfach da sein, ohne sie zu befragen oder zu deuten. Was genau damit gemeint ist, habe ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben, hier reicht die Kurzfassung: kein Analysieren, nur Wahrnehmen. Wenn das Wetter mitspielt, mache ich diese Übung auch draußen, am liebsten oben auf dem Pfingstberg, wo man über die Dächer schaut und selten jemand vorbeikommt. Es passiert dabei nicht viel, das ist fast der Punkt: kein Ziehen, kein Kribbeln, nur ein langsames Weniger-werden von dem, was vorher noch laut war.
Diese Übung hat mit dem zu tun, worüber ich schon einmal geschrieben habe, wenn innere Wurzeln nach einem Verlust neuen Halt geben – nur dass es hier nicht um den großen Bogen geht, sondern um die paar Minuten am Morgen, bevor der Tag mich in Beschlag nimmt. Manchmal ist eine Woche komplett leer in dieser Hinsicht: kein Sitzen, keine Notiz, nur ein Blatt im Leinen-Heft, das ich zugeklappt lasse. Das gehört genauso dazu wie die Male, in denen es leichter geht.

Die Übung mit Stift und Papier
Die zweite Übung ist aktiver. Statt still zu sitzen, schreibe ich auf, was gerade Platz beansprucht – ein Satz reicht oft, manchmal auch nur ein Wort. Das hat wenig mit einem vollständigen Session-Protokoll zu tun, wie ich es sonst für die Dokumentation meiner Kurse führe, das ist ein eigenes Kapitel für sich. Hier geht es nur darum, den Gedanken aus dem Kopf auf das Papier zu verschieben, damit er nicht mehr im Kreis laufen muss. Für mentale Klarheit durch systematisches Archivieren braucht es mehr als das, aber als kleiner täglicher Schritt reicht diese Version völlig aus.

Manche Tage geht es dabei eher um blockierende Familienmuster, andere Male um die Trauerverarbeitung nach dem Tod meines Vaters – zwei unterschiedliche Baustellen, die ich nicht in einem einzigen Eintrag vermischen will. Ob ein Effekt am Kraft-der-Ahnen-Kurs selbst liegt oder an der Art, wie Andreas Goldemann seine Methode aufgebaut hat, kann ich ohnehin nicht sauber trennen, zumal es inzwischen vier Kurse mit eigener Architektur und Reihenfolge gibt. Was manche eine energetische Blockade nennen, überlasse ich lieber dem Eintrag, der sich dem ausführlich widmet. Wichtig ist mir nur, dass ich das alles als Laiin ohne Ausbildung mache, ohne Umweg über einen Titel oder ein Zertifikat.

Was bei mir gar nicht funktioniert hat
Dass beide Übungen ihre Grenzen haben, habe ich letzten Dienstag in der Bibliothek gemerkt. Ich bin einer Kollegin an der Ausleihe mitten im Satz ins Wort gefallen, ungeduldig, weil ich mit den Gedanken schon beim nächsten Regal war, und ich habe es erst auf dem Nachhauseweg bemerkt – ohne mich hinterher bei ihr entschuldigt zu haben. Keine Übung der Welt hätte das in dem Moment verhindert. Das macht mir eher klar, dass Lebenskraft kein Zustand ist, den man einmal erreicht und dann behält, sondern etwas, das jeden Tag neu justiert werden muss.
Ahnenarbeit für einen freien Kopf: wähle nach der Lage, nicht nach der Vorliebe
Welche der beiden Übungen ich wähle, hängt vom Zustand ab, in dem ich gerade bin, nicht von der Vorliebe. Ist der Kopf laut und springt von einem Gedanken zum nächsten, hilft mir die stille Ahnenlinien-Übung kaum – dann brauche ich das Schreiben, weil es den Gedanken zwingt, sich in einem Satz zu ordnen. Ist es dagegen eher ein dumpfes, schweres Gefühl ohne klaren Auslöser, reicht oft das stille Sitzen, manchmal draußen auf dem Pfingstberg, manchmal einfach am Tisch.
Eine Freundin von mir würde vermutlich über beide Übungen den Kopf schütteln – sie geht bei genau diesem Gefühl lieber Nordic Walking durch den Grunewald, und das funktioniert für sie ähnlich gut wie für mich das Sitzen oder Schreiben. Es gibt also nicht die eine richtige Übung, nur die, die zur jeweiligen Lage passt. Was regelmäßige Meditationspraxis über mehrere Wochen mit dem Energieniveau macht, verfolge ich mit genauen Datumsangaben in einem anderen Eintrag, das würde hier zu weit führen. Welche Begriffe aus den Kursen eigentlich was bedeuten, habe ich außerdem an einer Stelle gesammelt, statt sie hier jedes Mal neu zu erklären. Ob dahinter am Ende etwas liegt, das sich mit Epigenetik beschreiben lässt, kann ich nicht beurteilen – für mich fühlt es sich schlicht nach mehr Raum zwischen den Gedanken an, und genau das meine ich, wenn ich von Lebenskraft spreche.
Wenn du selbst nach Übungen für einen freien Kopf suchst, wäre mein Rat, nicht nach der beeindruckenderen Methode zu greifen, sondern ehrlich zu prüfen, was der Kopf in diesem Moment gerade braucht – Stille oder Bewegung, Sitzen oder Schreiben. Das lässt sich nicht endgültig katalogisieren, so sehr ich das als Bibliothekarin manchmal auch möchte.