Mein Seelenpfad

Wie ich die Einsamkeit nach dem Todesfall durch Ahnenarbeit bewältige

Wie ich die Einsamkeit nach dem Todesfall durch Ahnenarbeit bewältige

Der gelbe Karteikasten wiegt inzwischen spürbar mehr in der Hand als am Anfang. Zwischen den Karten liegt mein Selbsttest-Tagebuch durch die vier phoenix999-Kurse, das mit Kraft der Ahnen begann, in den Monaten nach dem Tod meines Vaters. Ein Satz begegnet mir dabei in Gesprächen über Ahnenarbeit und Trauerbewältigung immer wieder, meistens mit hochgezogenen Augenbrauen vorgetragen: Wer sich mit seinen Ahnen beschäftigt, zieht sich zurück und wird am Ende einsamer, nicht weniger einsam. Dieser Satz hält sich hartnäckig. Er stimmt trotzdem nicht, jedenfalls nicht so, wie er gemeint ist.

Kurzer Hinweis vorweg: In diesem Eintrag stecken Affiliate-Links. Bucht jemand einen Kurs über einen dieser Verweise, bekomme ich eine Provision, ohne dass für dich Mehrkosten entstehen. Ich schreibe hier ausschließlich über Kurse, die ich selbst vollständig durchgearbeitet und in mein Leinen-Heft eingetragen habe. Die ausführliche Offenlegung findest du im Impressum.

Ahnenarbeit macht nicht einsamer

Der Irrtum entsteht, glaube ich, weil eine Session tatsächlich allein am Schreibtisch stattfindet. Wer das von außen sieht, schließt daraus, dass am Ende auch das Gefühl allein bleibt. In meiner Erfahrung ist eher das Gegenteil richtig: Die Einsamkeit, die nach einem Verlust bleibt, hat selten etwas mit der Zahl der Menschen im Raum zu tun. Sie hat damit zu tun, ob man sich noch als Teil von etwas Größerem empfindet oder nicht. Kollegen um mich herum, Nachbarn, ein volles Wartezimmer – all das ändert daran wenig, solange die Verbindung zur eigenen Geschichte fehlt.

Der Grund für diesen Irrtum

Przemek, ein Mitpraktizierender aus einem Online-Live-Workshop bei Andreas Goldemann, hat mich in der Pause einmal gefragt, wo ich meine Notizen eigentlich aufbewahre – zwischen zwei Sessions, im virtuellen Warteraum, während er sich die Schulter rieb, weil intensive Sessions bei ihm dort immer zuerst spürbar werden. Genau in solchen Momenten merke ich, wie wenig Ahnenarbeit tatsächlich mit Rückzug in eine Kammer zu tun hat. Da saßen lauter fremde Menschen in kleinen Videofenstern, und trotzdem war mehr Nähe darin als an manchem Bibliotheksschalter tagsüber.

Was vor der Ahnenarbeit alles nicht half

Bevor Kraft der Ahnen in mein Leben kam, habe ich einiges ausprobiert, um die Stille in der Wohnung auszuhalten. Aus der Bibliothek, in der ich arbeite, habe ich mir Entspannungs-CDs ausgeliehen, so wie man sich eben etwas aus dem eigenen Bestand ausleiht, weil man glaubt, es müsste doch helfen. Beim dritten Track bin ich jedes Mal eingeschlafen, ohne dass sich am nächsten Morgen etwas verändert hätte. Das Problem war nicht die Stimme auf der CD. Das Problem war, dass ich der Stille nichts entgegenzusetzen hatte außer dem Wunsch, dass sie aufhört.

Ein gelber Karteikasten mit DIN-A6-Karten für die persönliche Ahnenarbeit gegen Einsamkeit.

Eine Session, bei der das Handy nicht in Reichweite lag

Bei einer der ersten Sessions mit Kraft der Ahnen habe ich das Handy bewusst im Flur liegen lassen, außer Sichtweite, außer Griffweite. Auf dem Eichentisch lag nur die Schreibunterlage in diesem matten Grün, und durchs Fenster waren kahle Astspitzen zu sehen, keine Blätter mehr. Es war die erste Session, bei der ich nicht zwischendurch die Hand nach dem Handy ausgestreckt habe, aus reiner Gewohnheit, um zu prüfen, ob irgendwo eine Nachricht wartet. Danach fühlte sich die Wohnung nicht leerer an. Sie fühlte sich zum ersten Mal seit Langem nur nach mir an. Am nächsten Morgen bin ich auf dem Weg zur Bibliothek einen kleinen Umweg über die Schiffbauergasse gegangen, ohne besonderen Grund, nur weil ich Lust auf ein paar zusätzliche Minuten draußen hatte.

Ein Füllfederhalter auf einem Leinenheft mit handschriftlichen Notizen zur Trauerbewältigung.

Verbindung statt Rückzug

Nähe braucht nicht zwingend Nähe im selben Raum.

Walburga Stenz, Trauerbegleiterin im Potsdamer Hospizverein, hat mich vor einiger Zeit einmal angerufen, kurz, ohne zu drängen, und wieder losgelassen, als ich nicht reden wollte. Ihr Humor braucht ungefähr zehn Sekunden, bis er ankommt, aber wenn er ankommt, sitzt er richtig. Von ihr habe ich gelernt, dass Nähe nicht bedeutet, ständig erreichbar zu sein, sondern zu wissen, dass jemand da ist, ohne sich aufzudrängen. Genau diese Art von Verbindung stellt Ahnenarbeit meiner Erfahrung nach ebenfalls her, nur eben zu Menschen, die man nicht mehr anrufen kann.

Manche Themen gehören bewusst nicht in diesen Eintrag. Die mütterliche Ahnenlinie führt bei mir ein eigenes Blatt im Karteikasten, getrennt von der väterlichen Seite, weil beide unterschiedlich reagieren. Blockierende Familienmuster im Alltag zu erkennen ist wieder ein anderes Kapitel, genau wie die Frage, welches Vokabular die Kurse eigentlich benutzen und was davon Fachbegriff und was Werbesprache ist. Auch ob sich Kraft der Ahnen als erster Kurs überhaupt lohnt oder in welcher Reihenfolge man die vier phoenix999-Module am besten durchläuft, verhandle ich an anderer Stelle. Andreas Goldemanns Methode arbeitet stark mit dem, was in den Kursen als energetische Blockade bezeichnet wird, und wer ganz ohne Vorbildung einsteigen will, kann das – eine Ausbildung braucht die Laienpraxis nicht, auch wenn genau das oft der erste Einwand ist, den ich zu hören bekomme. Ein Familiengeheimnis taucht in fast jeder Linie irgendwann auf, aber auch das ist sein eigenes Blatt, nicht dieses hier.

Hände, die achtsam Karteikarten und alte Dokumente der Familiengeschichte berühren.

Systematik ist nicht das Gegenteil von Nähe

In meiner beruflichen Welt orientiere ich mich am Standardmaß DIN A6 für Karteikarten, und genau diese Präzision habe ich in die Ahnenarbeit übertragen. Jede Session bekommt ein Datum, eine Randnotiz, einen Querverweis. Für Außenstehende wirkt das oft wie das Gegenteil von Verbindung, wie ein Rückzug ins Ordnen. Wie ich dabei Weisheiten der Ahnen ordne, beschreibe ich an anderer Stelle ausführlicher, aber der Kern lässt sich hier schon sagen: Ein Katalog ohne Benutzerin ist tot. Sobald ich eine Karte wieder in die Hand nehme, ist die Linie, die sie dokumentiert, wieder lebendig, und ich bin nicht mehr die Einzige, die sie hält.

Wie ich die Sessions im Einzelnen protokolliere, ist noch mal ein eigener Eintrag, genauso wie die Dokumentation des emotionalen Erbes zwischen zwei Terminen. Wie man den Herzinfarkt meines Vaters wirklich verarbeitet oder wie sich die eigene Ahnenlinie zum ersten Mal fühlen lässt, sind eigene Kapitel, ebenso wie eine Meditationspraxis für Tage, an denen die Zeit knapp ist.

Was mit der väterlichen Linie bei mir passiert, wenn ich die passenden Karten berühre, beschreibe ich unter Frieden mit der Vaterlinie ausführlicher. So viel sei hier gesagt: Es ist ein körperliches Gefühl von Wärme in den Handflächen, keine Einbildung, und es kommt nur, wenn ich mich wirklich verbinde, nicht wenn ich nur analysiere.

Blick aus einem Potsdamer Altbaufenster auf kahle Bäume bei Sonnenuntergang, Sinnbild für Ahnenarbeit und Einsamkeit.

Was wirklich gegen die Einsamkeit hilft

Wer nach einem Verlust einsam ist, sollte sich zuerst fragen, welche Art von Einsamkeit das eigentlich ist, bevor er sie mit mehr Terminen zuschüttet. Fehlen tatsächlich Menschen im Alltag, hilft Gesellschaft. Fehlt dagegen das Gefühl, Teil einer Linie zu sein, die über einen selbst hinausreicht, hilft kein volles Wochenende, sondern eher eine ruhige halbe Stunde mit den eigenen Karten. Das lässt sich unterscheiden, wenn man ehrlich hinschaut: Wird die Leere kleiner, sobald jemand im Raum ist, oder bleibt sie, egal wie viele Menschen um einen herum sind? Bei mir war Letzteres der Fall, und deshalb war Gesellschaft allein nie die Antwort. Der gelbe Karteikasten schon eher.

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