
Zwei Karten liegen nebeneinander, dieselbe Handschrift auf beiden, und trotzdem gehören sie in völlig verschiedene Schubladen meines Karteikastens. Auf der einen steht mein Vater — mit Datum, mit Uhrzeit, so eindeutig wie eine Ausleihe im System. Auf der anderen steht meine Mutter, und da wird es unordentlich: kein Startdatum, keine einzelne Signatur, nur ein loses Bündel aus Beobachtungen, die sich über etliche phoenix999-Sitzungen verteilen. Genau dieser Unterschied zwischen väterlicher und mütterlicher Ahnenlinie ist der Grund, warum die Frauenlinie in meiner Ahnenarbeit und meinem Selbsttest-Tagebuch ein eigenes Kapitel bekommen hat: energetische Blockaden lassen sich hier nicht an einem einzelnen Tag festmachen, sondern nur über viele kleine Wiederholungen.
Eine Familie, zwei Archive
Bibliothekarisch gesprochen ist der Unterschied simpel. Ein Bestand mit einem klaren Erwerbungsdatum lässt sich leicht einsortieren; ein Bestand ohne bekannten Ursprung macht mehr Arbeit, weil man ihn erst grob sichten muss, bevor überhaupt eine Signatur möglich ist. Die Trauerverarbeitung um meinen Vater habe ich andernorts ausführlich dokumentiert, mit einem klaren Startpunkt an einem einzelnen Herbsttag; sie taucht hier nur als Vergleichspunkt auf, nicht als eigenes Thema. Die mütterliche Linie hat diesen einen Tag nicht. Es gab keinen Anruf, keinen Moment, an dem alles kippte — nur eine Ansammlung aus Sätzen, Gesten und Schweigen, die sich über Generationen verdichtet hat, ohne dass irgendjemand sie beschriftet hätte.
Was für mich als Erwerbungsvermerk fehlt, kann ich nicht einfach erfinden. Ich behelfe mich stattdessen mit einem anderen Kriterium, das ich weiter unten genauer beschreibe. Wie Epigenetik und Ahnenheilung im Detail zusammenhängen, habe ich andernorts differenzierter aufgedröselt; hier reicht mir der Verweis, denn in diesem Eintrag geht es nicht um den Mechanismus, sondern um die Praxis am eigenen Bestand.

Warum lässt sich die mütterliche Linie schlechter datieren?
Väter sterben oft an einem einzelnen, bestimmbaren Tag, jedenfalls war es bei meinem so. Mütter und Großmütter dagegen prägen eher über Jahrzehnte, in kleinen wiederkehrenden Szenen, die einzeln betrachtet fast belanglos wirken: ein weggelächelter Streit hier, eine über-Beschäftigung dort. Familienmuster zu erkennen ist das eine — sie ausgerechnet in der mütterlichen Linie zu datieren, ist noch mal eine andere Übung, weil selten ein einziges Ereignis dahintersteht.
Rosmarie, meine Kollegin im Freihandbereich, hat mal beiläufig gesagt, sie merke Erschöpfung bei Leuten oft, bevor die Person selbst etwas davon spürt. Ich kann mich inzwischen besser konzentrieren bei der Arbeit durch die Kraft der Ahnen, das hat sie vor mir bemerkt, an einem ganz gewöhnlichen Vormittag an der Ausleihe. Bei der mütterlichen Linie selbst geht es mir ähnlich: Die Last war da, lange bevor ich dafür eine Signatur hatte, geschweige denn ein Wort.
Muster suchen statt auf den einen Moment warten
Genau daraus ergibt sich meine Arbeitsweise für die Frauenlinie: nicht auf den einen großen Moment warten, der bei meinem Vater tatsächlich existierte, sondern auf das wiederholte Auftauchen desselben Signals achten. Wenn ein Ziehen im Nacken in mehreren, inhaltlich ganz unterschiedlichen Sitzungen wiederkehrt, notiere ich es auf derselben Karte, auch wenn die Sitzungen sonst nichts miteinander zu tun haben. Wiederholung ersetzt bei mir das fehlende Datum.

Der Grundkurs Kraft der Ahnen war mein Einstieg in all das, aber die mütterliche Linie kam dort nur am Rand vor. Die Architektur aller vier phoenix999-Kurse zusammen habe ich an anderer Stelle einmal durchgezählt, hier interessiert mich nur der Ausschnitt, der die Frauenlinie betrifft. Wie Andreas Goldemann seine Methode im Einzelnen aufbaut, steht ebenfalls andernorts; für die Mutterlinie zählt für mich vor allem, wie sie sich auf wiederkehrende Körperreaktionen anwenden lässt, nicht die Methode als Ganzes.
Meine Meditationspraxis im Alltag beschreibe ich an anderer Stelle Schritt für Schritt; hier taucht sie nur auf, wenn sie tatsächlich die Frauenlinie berührt, was nicht in jeder Sitzung der Fall ist. Wie ich einzelne Sitzungen protokolliere — mit Datum, Randnotiz und Querverweis —, habe ich ebenfalls separat aufgeschrieben; für diesen Eintrag reicht der Hinweis, dass jede Karte einen Kopf und einen Fuß braucht, so wie ein Katalogeintrag einen Titel und eine Signatur. Wer mit Sitzungsnamen wie 'Das Nehmen der mütterlichen Kraft' oder 'Ablösung mütterlicher Erwartungen' nichts anfangen kann: Ich habe die Begriffe in einem Glossar einmal sauber definiert und will sie hier nicht erneut aufdröseln.
Was bei mir nicht funktioniert hat
Nicht jede Methode, die ich ausprobiert habe, hat sich für die mütterliche Linie geeignet. Ich habe es einmal mit Atemübungen aus einem Selbsthilfebuch versucht, weil sie mir empfohlen wurden, und es hat sich vor allem angestrengt angefühlt — wie eine Übung, die ich für jemand anderen mache, nicht für mich.
Das hat nicht funktioniert.
Dass ich das alles ohne jede Ausbildung mache, als Laiin mit einem Karteikasten statt einem Diplom, habe ich an anderer Stelle ausführlicher begründet, und ich halte auch hier daran fest. Was eine Ahnenlinie im Ganzen überhaupt bedeutet, erkläre ich lieber in jenem Eintrag; mich interessiert an dieser Stelle nur die mütterliche Hälfte davon. Energetische Blockaden habe ich früher schon allgemein sortiert — die mütterliche Linie war darin die am wenigsten dokumentierte Schublade meines Karteikastens, genau die, die ich hier endlich aufziehe.

Nähe oder Distanz — je nachdem, was die Sitzung verlangt
Neulich, auf dem Rückweg durch den Sanssouci-Park, bemerkte ich, dass zwanzig Minuten vergangen waren, ohne dass ich auch nur einmal an meinen Vater gedacht hatte — und das Erschrecken darüber war fast so groß wie die Erleichterung. Genau in solchen Momenten merke ich, welche der beiden Herangehensweisen gerade gebraucht wird. Flutet mich eine Sitzung mit Gefühlen, für die ich keine Worte habe, brauche ich zuerst Ordnung, keine weitere Tiefe — dann lege ich das Heft weg und katalogisiere stattdessen etwas Banales, bis der Puls sich beruhigt. Steht die Systematik dagegen längst, ohne dass sich etwas bewegt, brauche ich das Gegenteil: einen Moment, in dem ich das Blatt beiseite lege und einfach nur fühle, ohne sofort eine Signatur dafür zu suchen.
Wie Ahnenarbeit bei emotionaler Erschöpfung mir schon einmal weitergeholfen hat, habe ich in einem früheren Eintrag beschrieben, und die mütterliche Linie fügt diesem Bestand jetzt ein eigenes, spät begonnenes Kapitel hinzu. Eine einzelne Sitzung schließt hier nichts endgültig ab, sie verschiebt höchstens eine Karte in die richtige Schublade. Für mich reicht das, und für die Frauenlinie in meiner Familie ist das vermutlich das Realistischste, was ich anbieten kann.